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Kommunisten und Antisemitismus

Bürgerliche Medien, aber auch andere Quellen, berichten über antisemitische Äußerungen führender Kommunisten in Rußland.

Der Vorsitzende der DKP, Heinz Stehr, hat sich mit einem Brief an den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, Gennadi Sjuganow, gewandt und um Aufklärung gebeten, wie das Verhältnis der Kommunistischen Partei zum Antisemitismus ist und wie sie sich im Falle, daß derartige Äußerungen gemacht wurden, verhält.

Zu der jetzt begonnenen Kampagne über tatsächlichen oder behaupteten Antisemitismus in der KP Rußlands veröffentlichen wir diese Erklärung des bekannten Antifaschisten und Kommunisten Emil Carlebach.

Ich bin seit August 1931 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands, seit 1932 Mitglied der KPD, und seit 1968 Mitglied der DKP.

Bis heute habe ich nicht die geringste Erscheinung von Rassismus oder Antisemitismus in der Kommunistischen Bewegung in Deutschland erlebt; im Gegenteil, ich bin Zeuge dessen, daß ungezählte meiner nichtjüdischen Genossen und Genossinnen ihr Leben einsetzten, um jüdische Menschen zu schützen und zu retten.

Die Fakten und Namen, die ich meine, können nur stellvertretend für ungezählte andere stehen, die ihre Pflicht als Kommunisten im Sinne des proletarischen Internationalismus erfüllten - oftmals bis zum Tod. Ich nenne die dramatischen und heroischen Höhepunkte dieser Auseinandersetzung in den Jahren 1938-1945, die ich im KZ Buchenwald erlebte. Ich nenne:

Ernst Frommhold (Lagerältester bis 1940), der alles tat, um den jüdischen KZlern im Rahmen der SS-Lagerordnung zu helfen.

Hans Eiden (Lagerältester in der Schlußphase des KZ), der sein Leben wieder und wieder riskierte, um die Todesmärsche der jüdischen Gefangenen zu verzögern, so daß wir 3 000 von 6 000 retten konnten.

Ich nenne den Kapo der Schreibstube Willi Seifert (Jungkommunist aus Chemnitz) und seinen Stellvertreter Herbert Weidlich, die es erreichten, daß auch Juden in bessere Arbeitskommandos gelangen konnten und die durch Manipulationen mit der Personalkartei zahllose Kameraden retten konnten.

Ich nenne Erich Loch aus Essen, der als Chef des Lebensmittelmagazins der SS massenhaft Brote stahl, und sie (durch meine Vermittlung) den jüdischen Gefangenen zukommen ließ.

Ich nenne Marcel Paul, ZK-Mitglied der französischen Partei, der, als das Rote Kreuz Pakete schickte und die SS dekretierte, nur Arier dürften etwas daraus erhalten, die Losung ausgab: "Wir rühren nichts an, wenn unsere jüdischen Kameraden nicht ebenfalls ihren Anteil erhalten!"

Ich nenne Walter Krämer und Karl Peix, die als Chefs des Häftlingskrankenhauses unzählige Todeskandidaten retteten und ungezählte Morde der SS verhinderten, und dafür selbst ermordet wurden.

Ich müßte praktisch sämtliche Blockältesten und sämtliche Mitglieder des Lagerschutzes (Häftlingspolizei) namentlich nennen, die im April 1945 die Lagerordnung derart durcheinanderbrachten, daß die SS unfähig war, die Todestransporte "ordnungsgemäß" abzufertigen.

Aus der Fülle der Ereignisse will ich nur zwei herausgreifen:

Im Trubel der Kriegswirren waren Hunderte Kinder (Ausländer und Juden) ins Lager gekommen. Sie waren "unnütze Esser", bestimmt für die Gaskammern von Auschwitz. Der deutsche Kommunist Albert Kuntz, Bezirksleiter der KPD in Hessen, regte an, daß die Widerstandsbewegung der SS vorschlagen solle, man könne diese Kinder und Jugendlichen doch als Maurer für die Kriegswirtschaft ausbilden. Robert Siewert, ehemals kommunistischer Abgeordneter, von Beruf Maurerpolier, brachte es fertig, die SS zu überzeugen. Als dann Himmlers Befehl kam "Alle Juden nach Auschwitz", blieben diese "Facharbeiter" zurück. Vor der Gaskammer gerettet.

Der andere Fall betrifft mich selbst: Als am 5. April 1945 das Lager den Befehl sabotierte, die Juden auf Todesmarsch zu schicken, setzte mich SS-Hauptscharführer Hofschulte als vermuteten Drahtzieher als Nr. 46 auf die Liste der 45, die die Gestapo Weimar zur Liquidierung verlangte. Der Vorsitzende des Internationalen Lagerkomitees, der deutsche Kommunist Walter Bartel, wies mir als Versteck einen Hohlraum unter der Baracke 53 zu; der Blockälteste, Jakob Kindinger, versteckte mich dort unter eigener Lebensgefahr, bis mir der 11. April die Freiheit wiedergab.

Mit Ausnahme von Marcel Paul sind es ausnahmslos deutsche Kommunisten, die ich hier nenne. Selbstverständlich waren auch Sozialdemokraten unter uns, und viele, viele nichtdeutsche Antifaschisten. Hier aber habe ich nur mit dem Thema "Kommunisten und Antisemitismus" zu tun - darum diese Auswahl.

Was die Vorgänge in Rußland betrifft, kann ich nur sagen, es handelt sich hoffentlich um antikommunistische Propaganda. Sollten die Berichte aber auf Wahrheit beruhen, so kann die DKP nur eine Haltung einnehmen: entweder die KP Rußlands trennt sich von den Rassisten, oder sie kann nicht als Kommunistische Partei angesehen und behandelt werden.

 

UZ unsere zeit, Zeitung der DKP, Nr. 48, 27. November 1998
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• Autor: DKP Hessen •



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