Frieden als Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln
Offiziell schweigen in Jugoslawien die Waffen. Das Land ist zerbombt, immer
noch sind Menschen auf der Flucht, der Haß zwischen den
Völkerschaften ist größer denn je. Die Gefahr neuer nationaler
Konflikte auf dem Balkan besteht fort, in Montenegro, Mazedonien usw.
Die Nato beherrscht mit ihren Truppen das gesamte Gebiet, und das Kosovo
wird, wie schon Bosnien-Herzegowina, zum Protektorat. Die politischen
Verhältnisse in Rest-Jugoslawien, wo die unbotmäßige Regierung
Milosevic weiter im Amt ist, sollen durch erpresserischen Druck nach dem Willen
der US-Amerikaner und Westeuropäer umgestaltet werden.
Dennoch - wer würde nicht auf die Beendigung der Bombardierung
Jugoslawiens mit Erleichterung reagieren? Das Aufatmen der Menschen, die zwei
Weltkriege in diesem Jahrhundert erinnern, ist nur zu verständlich.
So wird die Warnung vor wachsender Kriegsgefahr nach Beendigung des Krieges
in Jugoslawien nicht gern gehört. Schließlich will die Presse
hierzulande glauben machen, die "Doppelstrategie" der Clinton, Blair,
Schröder und Fischer habe sich als richtig erwiesen und ewiger Frieden
werde folgen. Und doch trügt die Hoffnung.
Mich erinnert das Geschehen an das "Münchner Abkommen" von
1938. Hitler bekam die Sudetengebiete, die Deutschen in diesem Gau die
"Selbstbestimmung", und der britische Premier Chamberlain jubelte:
"Peace for our time! Friede für unsere Zeit!" Als die
faschistischen deutschen Soldaten in den Sudetengau einmarschierten, wurden sie
von vielen Einwohnern begeistert begrüßt, gerade wie jetzt die
Besatzer von manchen Kosovo-Albanern mit Blumen bedacht werden. Hitler
interessierte sich tatsächlich nicht im geringsten für die Rechte der
Sudetendeutschen. Für ihn war der Einmarsch lediglich ein Teilziel auf
dem Weg nach Prag, Warschau, Belgrad und Moskau.
Die Nato hat keine Pläne zur Eroberung fremder Länder, aber sie
setzt zunehmend ihre Interessen in aller Welt mit militärischen Mitteln
durch. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus in Europa wurde dies offizielle
Nato-Strategie.
Das Interesse der Nato-Staaten besteht eingestandenermaßen in der
Sicherung von Märkten und Rohstoffen, von Einflußsphären
besonders in Osteuropa, auf dem Balkan und im Nahen Osten.
Sollten sich etwa beim Zugriff auf kaspisches Öl Widerstände
auftun, ist seit dem Jugoslawienkrieg die Bereitschaft der Nato gewachsen,
sofort militärisch einzugreifen. Weitere Kriege für die
Interessen der reichen kapitalistischen Länder gegen die chancenlosen
armen Länder zeichnen sich ab. Das ist das eine.
Das andere ist, daß die Europäische Union nach der Erfahrung
amerikanischer Militärüberlegenheit im Jugoslawienkrieg ihre eigene
Streitmacht ausbauen will. Viele Milliarden sollen für die neue
Rüstung ausgegeben werden, für Transportflugzeuge, Spionagesatelliten
usw.
Konflikte zwischen den Staaten der EU um die Aufgaben- und Lastenverteilung
sind vorprogrammiert und solche zwischen dem erstarkten Westeuropa und den USA.
Es ist bitter zu sagen: Der Frieden in Jugoslawien bringt
die Welt dem nächsten Krieg näher.
Klaus Mewes
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