Operation "Allied Force" pervertiert ökologisches Denken und
Handeln
Ein gerechter Umweltkrieg?
Der NATO-Krieg gegen Jugoslawien hat für die dort lebenden Menschen
verheerende Folgen. Knut Krusewitz untersucht die ökologischen
Auswirkungen der Bombardements und benennt deren
Unrechtmäßigkeit.
I. Die Mitgliedstaaten der NATO wurden von den Vereinten Nationen
nicht zur Kriegführung gegen Jugoslawien ermächtigt.
Die NATO legitimiert deshalb ihre Selbstermächtigung mit dem Argument,
es sei ein gerechter Krieg. Zwar wissen die Völkerrechtler/innen in den
zuständigen Verteidigungs- und Außenministerien der Allianz so gut
wie ich, daß heute jeder Krieg völkerrechtswidrig ist,
unabhängig davon, ob er aus edlen oder unedlen Motiven begonnen wird.
Anderseits wird dem Konstrukt vom gerechten Krieg auch die apologetische
Leistung abverlangt zu legitimieren, daß die Umwelt des Gegners
zerstört werden darf, wenn er vernichtend geschlagen werden soll. Der
Balkankrieg verwandelt sich deshalb wieder, wie bereits die Kriege in Vietnam
und am Golf, in einen Umweltkrieg.
Die Umweltkriegführung ist jedoch moralisch verwerflich und rechtlich
unzulässig. Die NATO kann weder aus legitimatorischen noch aus
umweltrechtlichen Gründen frei darüber befinden, welche Kriegsziele,
Kriegführungsmethoden und Waffen sie wählt.
II. Zur Erinnerung. Die NATO war die erste Organisation des
internationalen Politikmanagements, die versuchte, einen Handlungsrahmen zur
Bewältigung der "weltumspannenden ökologischen Krise"
(NATO-Formel) zu entwickeln. Bereits anläßlich seines
20jährigen Bestehens (1969) beschloß der Nordatlantikrat,
"daß die NATO bei der Schaffung einer menschenwürdigeren
Umwelt" einen "bedeutsamen Beitrag" leisten werde.
Vier Wochen nach Beginn des Krieges ist allerdings erkennbar, daß die
NATO-Staaten den Naturhaushalt Jugoslawiens zur Erreichung ihrer Kriegsziele
mißbrauchen. Sie sind anscheinend nicht bereit, ihre Kriegführung
auch ökologisch zu legitimieren. Zumindest solange nicht, wie die
Öffentlichkeit in den kriegführenden NATO-Ländern die eklatante
Beschädigung ihrer Glaubwürdigkeit mehrheitlich kritiklos hinnimmt.
III. Nach Beendigung des Vietnamkrieges (1975), in dessen Verlauf die
US-Streitkräfte "ökologische Kriegführung" zum
erstenmal in der Kriegsgeschichte zum integralen Bestandteil einer
Militärstrategie gemacht hatten, verabschiedeten die Vereinten Nationen
zwei Völkerrechtsgesetze, die ökologische Kriegführung und
gezielte Umweltzerstörung durch Kriegshandlungen verbieten. Der
bewußte Verstoß gegen Kriegsrechtsnormen wird darin als
"Kriegsverbrechen" erklärt. Die Frage ist, ob sich die
Alliierten im Rahmen ihrer Operation "Allied Force" humanitärer
und ökologischer Verbrechen schuldig machen.
IV. Öko-Krieg und Umweltkrieg charakterisieren unterschiedliche
ökologische, militärische und kriegsrechtliche Realitäten. Von
ökologischer Kriegführung rede ich, wenn kriegführende Parteien
die Natur zu "militärischen oder sonstigen feindseligen Zwecken als
Mittel der Zerstörung, Schädigung oder Verletzung eines anderen
Vertragsstaates nutzen" (Art. 1 Umweltkriegsverbots-Vertrag).
Von Umweltkrieg rede ich, wenn nicht nur ökologische Medien, sondern
zudem auch die Zivilbevölkerung, ihre Volkswirtschaft und ihre
Kulturgüter zu Angriffs- und Zerstörungsbereichen gemacht werden.
Im Zusatzprotokoll 1 zu den Genfer Abkommen (1977) wird der sachliche und
kriegsrechtliche Zusammenhang zwischen Öko-Krieg und Umweltkrieg
hergestellt durch die
- Artikel 35 (Wahl der Methoden und Mittel der Kriegführung),
- Artikel 48 (Kriegshandlungen nur gegen militärische Ziele),
- Artikel 51 (Absoluter Schutz der Zivilbevölkerung),
- Artikel 53 (Schutz von Kulturgütern),
- Artikel 54 (Schutz lebensnotwendiger ziviler Objekte und Gebiete),
- Artikel 55 (Schutz der natürlichen Umwelt) und
- Artikel 85 (Ahndung von Verletzungen dieses Rechts).
Eine vorläufige ökologische Bilanz des Balkankrieges ergibt,
daß Methoden und Techniken der ökologischen Kriegführung
bislang nur von der NATO angewendet werden.
V. Aus methodischen und systematischen Gründen ist es sinnvoll,
kriegsökologische Tatbestände nach drei Schadenskategorien zu
ermitteln.
- Primäreffekte: mediale Schäden in den Bereichen Boden, Wasser,
Luft, Vegetation, Fauna und Klima sowie ihre Wechselwirkungen.
- Sekundäreffekte: komplexe Rückwirkungen der Primäreffekte
auf die Gesellschaft in den Bereichen Leben, Gesundheit, Volkswirtschaft,
Infrastruktur und Kultur.
- Tertiäreffekte: ökologische, menschliche und ökonomische
Kriegskosten, mit denen die Überlebenden konfrontiert sind.
Kriegsökologischen Primäreffekte hat die NATO einmal verursacht
durch Bomben- und Raketenangriffe auf Anlagen, die gefährliche Stoffe
und/oder Kräfte enthalten: Erdölraffinerien, Pipelines, Tanklager,
Verladestationen, Werke der chemischen und pharmazeutischen Industrie,
Ammoniak-, Düngemittel- und Pflanzenschutzfabriken, Sprengstoffabriken und
Munitionsdepots. Zum andern verursacht sie solche Effekte durch den Einsatz
bestimmter Waffen, etwa das US-Kampfflugzeug vom Typ A-10 und den
Kampfhubschrauber vom Typ Apache, die ihre Ziele mit abgereicherter
Uranmunition (DU-Munition) beschießen.
Wenn ein DU-Geschoß auf die Zieloberfläche schlägt, wird ein
großer Teil der kinetischen Energie als Hitze abgeleitet. Daraus ergibt
sich Rauch, der eine hohe Konzentration von DU-Partikeln enthält. Diese
Uranteilchen sind zweifellos toxisch. Nach der Explosion binden sich die
Uranpartikel in der Luft mit Staub und gelangen später in die
Nahrungskette und ins Trinkwasser.
Absehbare kriegsökologische Folgen sind: Ruß-, Staub- und
Dampfwolken mit ihrem Gemisch aus Stickoxiden, Schwefel- und
Salpetersäuren, krebserzeugenden Kohlenwasserstoffen, hochgiftigen
Uranpartikeln und ultragiftigen Dioxinen schlagen sich im Naturhaushalt der
Region nieder.
Zur Zeit kann zwar niemand vorhersagen, ob sich in den nächsten Monaten
und Jahren 200 oder 500 Milligramm je Quadratmeter von diesem hochgiftigen
Gemisch in Wohngebieten, Erntegürteln, Wäldern, Flüssen und Seen
ablagern. Soviel wissen wir allerdings heute schon:
Die NATO führt inzwischen auf jugoslawischem Territorium einen
"stummen" Giftgaskrieg. Er wurde nicht durch den Einsatz
primärer, sondern sekundärer Giftgaswaffen ausgelöst, also die
Bombardierung von Anlagen, von denen den Kriegsplanern bekannt war, daß
sie gefährliche Stoffe und/oder Kräfte enthielten.
Kriegsökologische Sekundareffekte gefährden bereits nach wenigen
Kriegstagen die Gesundheit der Zivilbevölkerung in Umgebung der
zerstörten Anlagen. Vor allem in Städten wie Belgrad, Pancevo, Novi
Sad, Subotica oder Krusevac wurden Tausende von Menschen den Giftsgaswolken
ausgesetzt. Es ist zu befürchten, daß viele von ihnen chronisch
erkranken.
Ein zweiter kriegsökologischer Zyklus entwickelt sich durch die
Zerstörung ziviler Infrastruktursysteme. In sämtlichen
größeren oder strategisch wichtigen Städten wurden systematisch
Ver- und Entsorgungseinrichtungen, Kommunikations- und Verkehrssysteme und
wichtige Brücken zerstört, aber auch Krankenhäuser, Schulen,
Universitäten und Wohngebiete beschädigt. Die Wasser- und
Stromversorgung für mehr als eine Million Menschen ist erheblich
gestört.
Ein dritter Krisenzyklus entsteht durch enorme Schäden in der
Agrarproduktion. Wegen des Mangels an Saatgut und Betriebsmitteln
(Düngemittel und Treibstoff), wird in Jugoslawien weitaus weniger
Getreide, Mais und Gemüse angebaut als in den Vorjahren.
Die Zerstörung der Infrastruktur weist bestimmte Ähnlichkeiten mit
militärischen Manipulationen ökologischer Abläufe auf Hier wie
dort reagieren komplexe Realitätsbereiche auf kriegerische Eingriffe mit
grundsätzlich nicht planbaren Effekten. Solche Eingriffe werden durch die
Verflechtung einzelner ökologischer und infrastruktureller Komponenten
rückgekoppelt, aufgeschaukelt, in ihrer Wirkung multipliziert.
Aus diesem Grunde ist es heute noch nicht möglich, die
Rückwirkungen der Primäreffekte auf die Bevölkerung zu
quantifizieren. Das ist bislang nur für einen Teilbereich der
Tertiäreffekte möglich. Die Wirtschaftsleistung Jugoslawiens
entsprach bereits vor dem Krieg (1998) nur der Hälfte von 1989.
Nach Berechnungen österreichischer Ökonomen ist das heutige
Pro-Kopf-Einkommen auf den Stand von 1900 (!) zurückgefallen. Die
Ökonomen sagen eine Wirtschaftsschrumpfung in Serbien um 25 Prozent
voraus. Dabei haben sie die jüngste Zerstörung von
Produktionsstätten und Infrastruktur noch gar nicht berücksichtigt.
Deshalb erwarten sie nach Ende des Krieges eine weitere Auswanderungswelle --
diesmal aus Serbien.
VI. Der Balkankrieg bestätigt die Lehre aus dem Golfkrieg,
daß Kriege, die mit den Methoden und Waffenarsenalen des Kalten Krieges
geführt werden, den Charakter von Umweltkriegen annehmen müssen.
Spätestens hier erweist sich die Absurdität der
Rechtfertigungskonstrukte vom "gerechten" und vom
"humanitären" Krieg. Kriege, die wegen ihrer Konzeption
notwendigerweise die universellen Grundsätze der humanitären und
ökologischen Vernunft pervertieren, bleiben Verbrechen gegen den
Weltfrieden und die Menschlichkeit.
Knut Krusewitz
Der Autor ist Umwelt- und Friedensforscher an der TU Berlin;
Gründer und Leiter der "Rhöner Friedenswerkstatt im
UNESCO-Biosphärenreservat" in Künzell/Fulda.
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