Deutscher Lager-Arzt: Medien verzerren die Realität
Aus: "DIE WELT" v. 17.06.1999
Richard Munz, 46, arbeitet als Chirurg im mazedonischen Lager Stenkovac I.
An der Universitaet Bochum ist er zudem Lehrbeauftragter fuer den Studiengang
Internationale Humanitaere Hilfe. Mit ihm sprach in Skopje Edith Kohn.
DIE WELT: Ist die Situation in den mazedonischen Fluechtlingslagern von den
deutschen Medien adaequat abgebildet worden?
Richard Munz: Ganz sicher nicht. Der weitaus groesste Teil der
Medienvertreter, mit denen ich gesprochen habe, hat hier eine Story gesucht
oder nach Belegen fuer eine Story, die er vorher schon hatte. Die Wirklichkeit
ist kaum wahrgenommen worden.
DIE WELT: Was fehlt?
Munz: Die Wirklichkeit ist ein geordnetes Fluechtlingslager mit einer
eigentlich fast schon maximalen Versorgung fuer die Leute. Die Journalisten
aber haben sehr heftig nach Epidemien, nach Misshandlungen gesucht. Sie haben
versucht, ihre eigenen Vorgaben, ihre Vorurteile zu bestaetigen oder zu
belegen.
DIE WELT: Was genau?
Munz: Zum Beispiel war fuer mich sehr ueberraschend, dass eine grosse
Anzahl von Journalisten nicht wahrnehmen wollte oder konnte, dass in unseren
Fluechtlingslagern die Maenner im wehrfaehigen Alter die Mehrheit der
Fluechtlinge stellte. Es war ja immer so dargestellt worden, als wuerde es
Maenner im Lager gar nicht geben. Selbst wenn man die Journalisten darauf
hingewiesen hat, dann weigerten sie sich, das wahrzunehmen.
DIE WELT: Gibt es noch andere Beispiele?
Munz: Freilich. Es gab die fast konstante Frage, was wir mit den
vergewaltigten Frauen machen, ob wir Abtreibungen vornehmen oder aehnliches.
Unsere Antwort war einfach: Wir hatten in der ganzen Zeit, die wir hier sind,
keinen solchen Fall einer vergewaltigten Frau. Und wir sind insgesamt fuer 60
000 Fluechtlinge zustaendig, fuer Stenkovac I und II, sowie noch zwei weitere
kleine Lager. Auch wir hatten uns zuvor wegen der kursierenden Geruechte ueber
Vergewaltigungen ueberlegt, wie wir damit umgehen wollen, aber der Fall ist
real nicht eingetreten. Wir haben keine gesehen, was natuerlich nicht heissen
muss, dass es keine gab.
DIE WELT: Wollten die Medienvertreter nur den edlen, leidenden Fluechtling
sehen?
Munz: Ich glaube, dass der Fluechtling an sich fuer die Journalisten
ueberhaupt nicht wichtig gewesen ist. Die Einseitigkeit diente wohl nur dazu,
die deutsche Beteiligung als Nato-Staat irgendwie zu rechtfertigen und zu
untermauern. Den Leuten im Kosovo ging es unzweifelhaft schlecht, sie haben
tatsaechlich alles verloren. Dennoch glaube ich, dass die Darstellung oftmals
das objektive Mass weit verlassen hat.
DIE WELT: Waehrend der Bombardierungen hat in Deutschland vor allem
Verteidigungsminister Scharping sehr emotional Menschenrechtsverletzungen im
Kosovo angeprangert. Sehen Sie da einen Zusammenhang zum Verhalten der Medien?
Munz: Durchaus. Bevor ich hier ankam, habe ich diese Aeusserungen ja auch
wahrgenommen. Ich bin auch mit ganz bestimmten Vorstellungen hier angekommen.
Diese Vorstellungen habe ich dann aber korrigiert durch das, was ich in den
Lagern gesehen habe. Ich glaube einfach, dass die Medien das nicht mehr
korrigieren konnten oder wollten. Sie haben den objektiven Blick verloren und
sich zu einem Teil dieses Konflikts machen lassen.
DIE WELT: Wenn Sie Ihre eigenen Erfahrungen zugrunde legen und jetzt von
Meldungen ueber Massaker im Kosovo hoeren oder lesen, wie wirkt das auf Sie?
Munz: Ich glaube sicher, dass es Massaker gegeben hat. Ich bezweifle aber,
ob man sich einen Gefallen tut, wenn man ganze Dimensionen verschiebt. Man
verglich diese Massaker auf eine Weise, die so nicht angemessen ist. Zum
Beispiel mit Auschwitz. Das wird man in der Zukunft wohl korrigieren muessen.
Mit den Fluechtlingen wurden meiner Ansicht nach politische Spielchen
getrieben. Im Grunde hat man damit diese Menschen und ihre realen Leiden ein
Stueck weit entwertet.
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