Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gegen den Krieg
Tagesberichte aus Jugoslawien, 24.-28.Mai 1999
Der zwölfte Angriff, Auf der Fahrt nach Belgrad, Pfingsten, 23./24.
Mai 1999
Ankunft in Novi Sad nach Mitternacht, um vier Stunden verspätet, weil
ungarische Grenzpolizei den Bus aus Jugoslawien, der uns aus Budapest abholen
sollte, abgewiesen hatte. Dem Fahrer gelang die Einreise dann über einen
anderen Grenzübergang. Novi Sad liegt bei unserer Ankunft im Dunkeln,
totaler Stromausfall, weil wieder einmal eine Graphitbombe der Nato ein
Kraftwerk getroffen hat. Um 23 Uhr war Luftalarm gegeben worden, um 6 Uhr
früh gibt es Entwarnung. Im Stadtgebiet von Novi Sad sind diesmal keine
Bomben eingeschlagen, aber in 20 Kilometern Entfernung.
Zwei Kollegen des jugoslawischen Gewerkschaftsbundes, die beide jahrelang in
Deutschland gearbeitet haben, begleiten uns ab jetzt. Wir besuchten die
zerstörte petrochemische Fabrik. Sie liegt auf einem Gelände von etwa
zwei mal zwei Kilometern. Elf Angriffe haben sie zum großen Teil
zerstört. Der Schaden wird auf eine Milliarde US-Dollar beziffert. Hier
und in dem zweiten petrochemischen Werk in Pancevo haben zwanzigtausend
Menschen ihre Arbeitsplätze verloren. Ob die Fabriken je wieder aufgebaut
werden können, wird sich erst nach Bodenuntersuchungen herausstellen, die
Monate dauern. Wir werden vor dem Berühren der weit verstreuten riesigen
Kesselteile und anderen Metalltrümmern gewarnt wegen Strahlungsgefahr
durch Uranmunition (abgereichertes Uran).
In dem Arbeiterwohnviertel Detelinara besuchen wir eine Grund- und
Hauptschule, die dreimal angegriffen wurde. Der Rektor kann sich die
wiederholten äpunktgenauenô Angriffe auf seine Schule nicht
erklären. In zwei benachbarten Wohnblocks sind viele Wohnungen
zerstört. Ein 68jähriger Dreher berichtet uns, wie er in seiner
Wohnung den Luftangriff erlebte und sich an einem Teppich aus dem Fenster
abseilte, um die Kinder aus dem Keller zu retten. Er hat hier 33 Jahre gewohnt
und regelmäßig mit einem Teil seines Arbeitseinkommens die Wohnung
abbezahlt, bis sie sein Eigentum war. Jetzt hat er nichts mehr.
Ein Schaden von siebzig bis achtzig Millionen Dollar ist durch die
völlige Zerstörung des modernen Fernsehsenders von Novi Sad
entstanden, der ein wichtiges Glied der europäischen Fernsehkette war.
Dieser Sender hat täglich Programme in sechs Sprachen ausgestrahlt und
versorgte die zahlreichen ethnischen Gruppen. Seine Arbeit für die
inter-ethnische Verständigung ist mit dem europäischen Fernsehpreis
ausgezeichnet worden. Bei einem Treffen mit jugoslawischen Kolleginnen und
Kollegen im Gewerkschaftshaus von Novi Sad erfahren wir, daß es in der
Vojvodina bis zum Ausbruch des Krieges zwischen den 26 verschiedenen ethnischen
Gruppen keine Zusammenstöße gegeben habe. Die systematischen
Angriffe auf die Fernsehstationen können keinen anderen Zweck haben, als
den Aggressoren die Propaganda-Oberhoheit zu verschaffen. Getroffen wird nicht
nur die Informationsfreiheit der jugoslawischen Bevölkerung, sondern auch
unsere, denn über die Opfer der Bombardements erfahren wir in Deutschland
nicht durch die Nato, sondern meist nur durch das jugoslawische Fernsehen, wenn
das deutsche von ihm Aufnahmen übernimmt.
Beim Übersetzen über die Donau, auf dem Weg zum Fernsehsender und
den Fernsehstudios, erhalten wir einen Eindruck von den zerbombten
Brücken. Die Donau ist hier 700 Meter breit. Unter der zerbombten
"Freiheitsbrücke" verlief die Hauptwasserleitung, durch die Novi
Sads südliche Stadtteile mit Trinkwasser versorgt wurden. Eine Folge ihrer
Zerstörung ist, daß das über Jugoslawien hinaus bekannte
herzchirurgische Zentrum von Novi Sad seine Arbeit einstellen mußte.
Die "Freiheitsbrücke" war nach dem Sieg über die
deutsche Wehrmacht gebaut worden, die 1941 die alte Brücke zerbombt hatte,
deren gemauerte Pfeiler heute noch wenige hundert Meter entfernt aus dem Wasser
ragen.
Wir sind mit unserm Bus zwanzig Minuten unterwegs in Richtung Belgrad, als
im Norden in etwa 25 Kilometern Entfernung hohe schwarze Rauchwolken
aufsteigen. Aus den Radionachrichten erfahren wir, daß die Raffinerie,
die wir vorhin besucht haben, wieder bombardiert wurde.
Eine humanitäre Katastrophe, Kragujevac, 25. Mai 1999
In Belgrad haben wir uns ein Bild von den Folgen der Bombenangriffe machen
können, z.B. der chinesischen Botschaft und der unmittelbar daneben
liegenden Musikschule. Nach Mitternacht sind wir zur Belgrader Donaubrücke
gegangen, auf der sich jeden Abend eine Menschenmenge versammelt mit der
angesteckten Zielscheibe äTargetô. Es gibt Alarm, auf einmal stehen
wir allein auf der Brücke. Die Menschen glauben nach all ihren
Erfahrungen, daß die Nato-Piloten auch Brücken mit Menschen darauf
bombardieren werden. Wir gehen die zehn Minuten zu unserm Hotel
äMoskwaô im Zentrum der Stadt, ziemlich schnell, aber nicht in den
Luftschutzkeller, sondern bleiben auf dem Zimmer, öffnen die Fenster und
sehen zum Himmel hinauf.
Zehn Minuten vor 4 beginnt die Flak zu schießen. Es hört sich an
wie Geprassel, bald näher, dann wieder ferner. In großer Höhe
zieht ein sirrendes, leise pfeifendes Geräusch über uns. Die
Maschinen fliegen in etwa 20 Kilometern Höhe über Belgrad.
Dann unerwartet der Einschlag, nahe, sehr hart metallisch, ganz anders als
bei Bomben. Das Innenministerium ist getroffen, das schon einmal bombardiert
worden war. Am nächsten Morgen sehen wir uns die Ruine des völlig
zerstörten Fernsehsenders an. Ein Techniker, der das Bombardement trotz
hohen Blutverlustes überlebt hat, erzählt uns, er habe wenige Minuten
vorher die Etage, in der seine Kolleginnen und Kollegen getötet wurden,
verlassen. Er habe alle gut gekannt. Aber sechs seien immer noch vermißt.
Nichts sei bisher von ihnen gefunden worden, als seien sie durch die Hitze
verdampft. 130 Kolleginnen und Kollegen des Senders wurden verletzt, einige
sehr schwer. Sie liegen noch in den Krankenhäusern.
Unmittelbar am Sender liegt das Belgrader Kindertheater vor einer Kirche,
auf der anderen Seite der Straße. Vom Kirchendach haben sie Leichenteile
geborgen. Wir legen hier an der Ruine des Senders für die 16 Toten Blumen
nieder, neben ein Schild mit dem Motto unserer Reise "Dialog von unten
statt Bomben von oben".
Kragujevac, die Stadt der Zastava-Automobilwerke, ist seit der Bombardierung
des Betriebes die Stadt der Arbeitslosen. Von den 200 000 Einwohnern haben
durch die elf Angriffe auf das Werk 37 000 Beschäftigte ihre
Arbeitsplätze verloren. Hinzu kommen die indirekt Betroffenen der
Zulieferbetriebe, für deren Produkte es keine Abnehmer mehr gibt. Beim
Begrüßungsgespräch im Gewerkschaftshaus schildert die lokale
Vorsitzende Rusica Milsavljovic die Folgen der Bombardements für die Stadt
und spricht von einer humanitären Katastrophe. Das Gespräch findet
während eines Alarms statt. Wir nehmen wahr, daß sich die etwa 30
versammelten Zastava-Kolleginnen und Kollegen durch zwei entfernte Detonationen
nicht irritieren lassen. Eine Frau zuckt die Achseln: "Wir versuchen,
normal weiterzuleben."
Wir übergeben eine von unserer Initiative gesammelte Spende, 10 000
Mark. Nichts im Vergleich zu den Bombenschäden, aber unser Beitrag wird
verstanden als Zeichen der Solidarität aus einem der Aggressorstaaten, dem
Land, dessen Wehrmacht an diesem Ort vor einem halben Jahrhundert das
größte Massaker in Jugoslawien während der deutschen Okkupation
verübt hat. In der Gedenkstätte für die Opfer legen wir ein
Blumengebinde nieder: "Den Opfern der deutschen Wehrmacht, der Nato und
der Bundeswehr."
Am 21. Oktober 1941 wurden hier siebentausend Menschen, darunter 300
Schüler, klassenweise mit ihren Lehrern, als "Geiseln"
erschossen. Ein Gedenkstein erinnert an den deutschen Soldaten, der sich
weigerte, mitzuschießen und deshalb mit erschossen wurde.
Das Gelände der Gedenkstätte wurde gleich zu Beginn des
Nato-Krieges getroffen, das Museum am 14. Mai durch eine in der Nähe
einschlagende Rakete schwer beschädigt. Die Direktorin Slavica Kominac
verweist auf die Symbolik einer durch Bombensplitter beschädigten Skulptur
mit dem Titel "Der Faschismus ist überwunden". Sie erinnert an
den Besuch des Museums durch Petra Kelly Mitte der achtziger Jahre, die ins
Gästebuch schrieb, die Grünen würden sich dafür einsetzen,
daß sich solche Verbrechen nicht wiederholen.
Bei der Renovierung des Museums soll ein Raum angegliedert werden, für
die Dokumentation der Bombardements durch die Nato.
Wegen des andauernden Alarms müssen wir die Besichtigung des
zertrümmerten Zastava-Werkes auf morgen verschieben. Es ist ein
traumhaftes Sommerwetter, die Akazien verblühen gerade. Rote Mohnfelder in
der Hügellandschaft, bunte Häuser in den Feldern, ein weiter Blick.
Was für ein schönes Land! Hoch oben das Sirren von Flugzeugen. Sehr
fern schießt die Flak.
Wenn die schnellen Sterne kommen, Wieder in Belgrad, in der Nacht vom 26.
zum 27. Mai 1999
Die Summe der bisherigen Eindrücke zeigt uns, in welchem Maße
sich der Natokrieg gegen die Zivilbevölkerung richtet. Die Bombardements
zerstören die Nervenzentren der Produktion und der Versorgung. Zum
Beispiel Kragujevac, die Automobilfabrik Zastava: Die Trümmer des Werks
werden zwar von den Arbeitern so gut wie möglich aufgeräumt, aber
ohne jede Aussicht auf Wiederinbetriebnahme in absehbarer Zeit.
Die Aufräumzeiten sind extrem kurz. Als wir in den Hallen sind, kommt
Alarm. Alle verlassen das Gelände, mehrere hundert Arbeiter, die mit den
Aufräumarbeiten beschäftigt waren. Sie grüßen zurück,
als wir sie mit dem Bus überholen. Auch das Kraftwerk auf dem
Betriebsgelände ist irreparabel zerstört. Es hat auch die Stadt
versorgt, mit Strom und Wärme Die Bevölkerung fürchtet den
Winter, denn die Wohnungen in den Hochhäusern haben keine Kamine für
Feuerstellen.
Einige von uns besuchen die Familie Pavlovic. Vater Radomil, 52, hat 35
Jahre bei Zastava gearbeitet, Sohn Slobodan, 27, sechs Jahre. Beide sind jetzt
arbeitslos. Die Mutter Milanka ist zuckerkrank. Ihr mußten am 7. April
beide Beine amputiert werden, zwei Tage vor dem schweren Angriff auf
Kragujevac. Wegen der vielen Schwerverletzten, die ins Krankenhaus aufgenommen
werden mußten, wurde Milanka Pavlovic viel zu früh nach Hause
entlassen. Bei Alarm und Luftangriffen muß sie in der Wohnung bleiben,
weil der Lift bei Stromausfall nicht funktioniert und während der
vielstündigen Alarmzeiten nicht benutzt werden darf. Ihre Beinstümpfe
haben sich entzündet. Es fehlt an Medikamenten, wie überall in
Jugoslawien infolge des Embargos. Spezialmedikamente wie Insulin müssen
kühl gelagert werden, was aber nicht möglich ist, wenn der
Kühlschrank keinen Strom hat.
Bei "Zastava" als staatlichem Betrieb besteht noch ein
Selbsthilfenetz, das Privatbetrieben fehlt. Für den arbeitslosen Vater und
seinen Sohn gibt es ein Arbeitsausfallgeld der Firma von 230 Dinar gleich 25
Mark im Monat. Es ist für drei Monate garantiert. Das Arbeitsamt zahlt
monatlich 100 Dinar, also rund zehn Mark, zunächst für ein halbes
Jahr.
Bei der Abfahrt aus Kragujevac sehen wir eine lange Menschenschlange vor
einem Tabakladen. Die Ursache erfahren wir drei Stunden später in Nis (300
000 Einwohner). Hier ist die größte Tabakfabrik Jugoslawiens - 2500
Beschäftigte - total zerstört worden. 1995 hatte die Fabrik neue
Maschinen vom Hersteller Hauni aus Hamburg gekauft. Die Wasserpumpenfabrik in
Nis - 1 500 Beschäftigte - wurde sowohl von Spreng- wie auch von
Splitterbomben getroffen. Metallteile aus den Lagern des Werkes flogen bis zu
einem Kilometer weit und durchschlugen Wände und Dächer von
Wohnhäusern. Wegen der vielen Blindgänger aus Kassettenbomben wurde
das Betriebsgelände gesperrt. Es ist fraglich, ob und wann in dem
größten Pumpenwerk des Balkans wieder produziert werden kann, auch
um die Lieferverträge mit Ägypten und den Golfstaaten zu
erfüllen.
Im Industriegelände von Nis liegt ein Werk neben dem anderen in
Trümmern. Auch die Technische Hochschule wurde beschädigt. Der
Vizedekan der Fakultät für Elektronik - 2000 Studenten -, Professor
Milun Jevtic, der in Bochum studiert hat, führt uns durch die
verwüsteten Räume. Der Detonationsdruck hat Regale mit Büchern
durch die Fenster geschleudert. Im Eingangsfoyer ist eine nicht explodierte
Kassettenbombe ausgestellt, die 130 Splitterbomben enthielt. Studenten haben
die Frage "Kada?" daraufgemalt - "Wann?" Von den
amerikanischen Herstellern ist Januar 2005 als Verfallsdatum aufgestempelt. Wie
in Nis sind in ganz Jugoslawien alle Schulen und Hochschulen des Landes seit
Kriegsbeginn geschlossen.
Eine Brücke über die Nisava wurde am 9. Mai, dem Feiertag der
Befreiung vom Hitlerfaschismus, so schwer getroffen, daß sie nur noch
für Fußgänger und Radfahrer passierbar ist. Dabei wurde auch
die Wasserleitung zum Stadtzentrum durchtrennt, das benachbarte griechische
Konsulat und eine dahinterliegende Prothesenfabrik beschädigt. Die
umliegenden Privathäuser sind nun unbewohnbar.
Eine Splitterbombe ging in der Mittagszeit auf dem Marktplatz von Nis
nieder, 20 Menschen wurden getötet und 50 verletzt. Der örtliche
Vorstand der Gewerkschaft berichtet von 1925 getroffenen Gebäuden,
darunter 18 Schulen. Während unseres Besuchs schlagen drei weitere schwere
Bomben in Nis ein.
In der kleinen Bergbaustadt Aleksinac erschüttert uns das Ausmaß
der Zerstörung. Siebzehn Menschen sind bei einem Angriff getötet und
36 verletzt worden. 36 Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht. Allein in
der Straße Dujan Trivunac sind 120 Wohnungen nicht mehr bewohnbar, die
meisten ausgebrannt. Viele Menschen haben sowohl ihr Heim und ihren Hausrat als
auch ihre Arbeit verloren. Das Bergwerk und viele kleine Betriebe liegen wegen
Strommangels still. Die Einwohner sind vor allem auf die Hilfe von Jugoslawen
im Ausland angewiesen. Der Vorsitzende der örtlichen Rotkreuzstation,
Miodrag Vojnovic, teilt uns erbittert mit, daß das Deutsche Rote Kreuz
seit Beginn des Krieges keine Hilfe mehr leistet. Immerhin haben wir unterwegs
mehrere Lastwagen mit Hilfsgütern aus Griechenland und einen Truck aus
Rußland gesehen.
Eins der vielen Kinder, die sich zu uns drängen, antwortet auf die
Frage, was es den Verantwortlichen für die Bombenkriege sagen würde:
"Ich kann nichts sagen, ich will nur schlafen." Die achtjährige
Jana nennt die Flugzeuge am Nachthimmel "schnelle Sterne". In einem
Luftschutzbunker hat das Serbische Rote Kreuz das Kindertheater
"Smeschko" - Lächeln - eingerichtet. Die Kinder haben den Beton
der Wände bemalt.. Vojnovic macht uns auf die Inschrift eines der Bilder
aufmerksam: "Wir werden siegen, denn wir lieben unser Land, wir haben kein
anderes."
Auch die Fähren gibt es nun nicht mehr, 27./28. Mai 1999
Am vorletzten Tag unserer Reise sehen wir in Belgrad immer neue
Zerstörungen, hören immer mehr Flugzeuge und Detonationen. Wir
erfahren in Gesprächen mit vielen Menschen, wie der Krieg das ganze Volk
in seinen Würgegriff nimmt. Tomislav Banovic, der Vorsitzende des
serbischen Gewerkschaftsbundes sagt, die materiellen Schäden nach 64 Tagen
Nato-Bombardement seien bereits größer als alle Zerstörungen
während des 2. Weltkrieges in Jugoslawien.
Viermal ist das Belgrader Krankenhaus Dr. Dragisa Misovic am Bulevar Mira
(Friedensboulevard) von Nato-Bomben getroffen worden. Es ist benannt nach einer
Ärztin, die von den Nazis erschossen wurde. Der stellvertretende Chefarzt
Dr. Miodrag Lazic, dem es fernliegt, die massenmörderische Naziokkupation
zu verharmlosen, erwähnt während unserer Begrüßung:
"Hitler hat in Jugoslawien kein Krankenhaus getroffen".
Im Krankenhaus Dr. Dragisa Misovic ist die einzige jugoslawische Klinik
für lungenkranke Kinder. Wir sehen zerborstene Mauern, die verbogenen
Bettgestelle der kleinen Patienten, beschädigte medizinische Geräte,
die sämtlich deutsche Fabrikate sind. Krankenschwestern suchen in den
Trümmerhaufen nach Behandlungsberichten, die für die richtige
Medikation der Langzeitpatienten unentbehrlich sind. Die Neurologie ist total
zerstört, sie war vor kurzem renoviert worden. Alle 810 Patienten
mußten evakuiert werden. Die meisten der 1200 Beschäftigten
können ihre Aufgaben nicht mehr wahrnehmen.
Wir treffen uns mit verschiedenen Mitgliedern der bürgerlichen
Opposition und aus gewerkschaftlichen Gruppen. Alle stimmen in dem
Unverständnis für die Begründungen der Natoaggression
überein. Hier einige Beispiele:
- Sind das die Menschenrechte, die wir jetzt von der Nato bekommen? Das
erste Menschenrecht ist das Recht auf Leben. - Durch die Bombardements ist die
sich öffnende Gesellschaft wieder geschlossen. Der Krieg begünstigt
erst die Entwicklung einer Diktatur. - Es wird vielleicht wieder Strom geben,
wenn wir die Nato reinlassen, aber wir verlieren Freiheit und Würde. -
Wenn der Westen weiterbombt, werdet ihr noch viel mehr Flüchtlinge
bekommen, auch aus Serbien. - Die Nato am Himmel, Milosevic am Boden - ohne
Hoffnung und Hilfe sind wir wie in einem Sandwich. Zwei arrogante Mächte
erdrücken uns von oben und unten.
Wissenschaftler und Vertreter der Grünen berichten uns über nicht
absehbare ökologische und gesundheitliche Schäden durch die
Bombardements der chemischen Werke und durch die Verwendung neuartiger Waffen.
Professor Dr. Luka Radijar berichtet, daß der bisher ohnehin schon zu
hohe Phosgengehalt der Luft in der Umgebung des petrochemischen Kombinats
Pancevo durch die Bombardierung um das Zehntausendfache stieg. äMein
Enkelkind in einer Hochhauswohnung im 16. Stock hat kein Wasser, keinen Strom,
und die Mutter hat keine Milch. Was hilft dieser Krieg den Albanern im Kosovo,
dessen Dörfer und Städte dermaßen zerstört und vergiftet
sind, daß dort auf lange Zeit kein Leben mehr möglich ist?ô
Im Land wächst die Angst vor völliger Isolation, nachdem schon
seit langer Zeit durch das Embargo z.B. wissenschaftliche Kontakte
eingeschränkt sind. Mit Beschämung hören wir, daß wir als
erste deutsche Gewerkschaftergruppe seit Beginn der 90er Jahre
begrüßt werden. Daß der DGB alle Kontakte eingefroren hat,
befremdet die jugoslawischen Kolleginnen und Kollegen. Das Hotelpersonal in
Belgrad verabschiedet uns mit Tränen. Es sind Tränen der Angst vor
der ungewissen, bedrohlichen Zukunft - zeigt uns, daß wir nicht allein
sind. Und hier, wie zum Schluß fast aller Gespräche: Berichtet die
Wahrheit.
Das Volk fürchtet, mundtot gemacht zu werden. Die Unterbindung der
Satellitenübertragungen von Rundfunk- und Fernsehsendungen hat zur Folge,
daß die Weltöffentlichkeit kaum noch etwas vom Nato-Terror
erfährt. Die Abschnürung des Landes setzt sich dadurch fort,
daß wichtige Informanten z.B. aus Gewerkschaften und Oppositionsgruppen
keine Einreisemöglichkeit mehr in die Bundesrepublik bekommen. Unser
Begleiter Sveta Vladisavljevic, der jahrelang in Deutschland gearbeitet hat -
er war gewerkschaftlicher Vertrauensmann bei der DEMAG in Düsseldorf -
wollte am 29. Mai nach Düsseldorf fahren, um den DGB-Vorstand zu
informieren und um solidarische Hilfe zu erbitten. Die deutschen Behörden
verwehrten ihm die Einreise.
Auf der Rückfahrt passieren wir noch einmal Novi Sad, wo wir am ersten
Tag unserer Reise die zerstörten Donaubrücken gesehen hatten. In der
letzten Nacht sind auch die Anlegestellen der Fährbooote, mit denen die
Verbindung zwischen den Stadtteilen an beiden Ufern mühsam
aufrechterhalten wurde, zerbombt worden.
Vor der Ausreise, 28. Mai 1999
»Dialog von unten statt Bomben von oben« Ziel unserer Reise war
es, Informationen aufgrund eigener Beobachtungen und unmittelbarer Kontakte mit
Kolleginnen und Kollegen in Jugoslawien zu gewinnen und an unsere Kolleginnen
und Kollegen in der Bundesrepublik Deutschland weiterzugeben. Wir wollten dazu
beitragen, den gewerkschaftlichen Auftrag »Konflikte auf zivilem Wege ohne
militärische Gewalt zu lösen« (DGB-Grundsatzprogramm) zu
verwirklichen.
Auf den Stationen unserer Reise - Novi Sad, Belgrad, Kragujevac, Nis und
Aleksinac - haben wir die Zerstörungen von Fabriken, Kraftwerken,
Krankenhäusern, Schulen und Hochschulen, Wohnvierteln, Verkehrswegen und
Brücken gesehen und in Gesprächen mit Beschäftigten
zerstörter Betriebe, Ausgebombten, Rote-Kreuz-Helfern, Ärzten,
Wissenschaftlern und Vertretern von Gemeinden und Gewerkschaften erfahren, was
die Bombardements der NATO für die Menschen in Jugoslawien bewirken. Der
»saubere Krieg« der NATO ist kein »Krieg gegen Milosevic«,
sondern ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung. Die Zentren der Versorgung
liegen in Trümmern, die Arbeitsplätze sind für Jahrzehnte
vernichtet, die Gesundheit vieler Menschen in noch nicht abschätz-barem
Umfang geschädigt, die Jugend ist ihrer Perspektive beraubt. Und ein Ende
des NATO-Terrors ist nicht in Sicht.
Der Auftrag, den uns die Menschen mit auf die Heimreise geben, ist einfach:
Tragt dazu bei, den Krieg auch nur um einen Tag zu verkürzen. Laßt
uns nicht allein. Helft die Wahrheit über unsere Lage zu verbreiten.
Es wird schwer sein, diesen einfachen Auftrag umzusetzen. Wir bitten unsere
Kolleginnen und Kollegen in Betrieben und Gewerkschaften und alle Menschen, die
guten Willens sind, uns zu unterstützen. Wir fordern alle humanitären
Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland auf, die Not und das Leid der
Bombenopfer zu lindern.
V.i.S.d.P. Rolf Becker (IG Medien) und Eckart Spoo (IG Medien/dju)
Spendenkonto: Hilfe für Kragujevac (Josef Bergmann) Hamburger Sparkasse
(BLZ 200 505 50) Kto.-Nr.: 1230 499 335
Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter gegen den Krieg Kontakt: Rolf Becker
(IG Medien Hamburg) Fax 040 - 280 32 14, e-mail über h.artus@nikoma.de
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