US-Wissenschaftler warnen:
Uran-Munition hat schlimme Folgen für Menschen und Umwelt
Charles Ferguson ist Physiker, ehemaliger Offizier der US-Navy und Mitglied
der amerikanischen Vereinigung der Wissenschaftler.
Die unabhängige Vereinigung sitzt in Washington und hat sich zur
Aufgabe gemacht, die Öffentlichkeit über Vorgänge im Bereich der
Verteidigungspolitik und Themen wie Antipersonenminen, Waffenhandel oder den
US-Militärhaushalt zu "informieren. Der "Humanité"
gab Charles Ferguson dieses Interview.
Frage: Ist die Verwendung von radioaktivem Material in der Zusammensetzung
von Munition oder jedem anderen militärischen Material nicht verboten? Wie
kann es sein, daß die USA abgereichertes Uran im Kosovo verwenden?
Charles Ferguson: Es gibt in den USA keinerlei Gesetz, das die Verwendung
von abgereichertem Uran untersagen würde. Hingegen gibt es eine Resolution
des Unterkomitees der UNO für Menschenrechte, die die Verwendung dieses
Materials verbietet. Es handelt sich um ein radioaktives Material, das bei der
Herstellung von Munition verwendet wird, darüber gibt es keinerlei
Zweifel, aber es stellt nicht im eigentlichen Sinn eine Atomwaffe dar. Solange
das Geschoß nicht abgeschossen wird, ist die Radioaktivität schwach,
und diejenigen, die mit diesem Typ von Munition umgehen, ergreifen
Vorsichtsmaßnahmen. Aber dieses gleiche Geschoß wird beim Einsatz
auf dem Schlachtfeld sehr gefährlich. Von außerordentlich
großer Wirkung, kann es ohne Schwierigkeiten die Panzerung von Tanks
durchdringen. Und einmal abgeschossen, wird es pyrophor (selbstentzündend
- beim Kontakt mit der Luft fängt es sehr schnell zu brennen an). Daraus
ergibt sich die Gefahr der Kontamination (radioaktiver Vergiftung), denn die
radioaktiven Partikel werden dann in der Luft verstreut.
Frage: Welches genau sind die Risiken, denen die betroffene Bevölkerung
ausgesetzt ist?
Charles Ferguson: Die Gefahr liegt in der Langzeitwirkung. Das Uran 238, das
in der Hauptsache das abgereicherte Uran ergibt, das von den Waffenfabrikanten
für die panzerbrechende Munition verwendet wird, ist an sich
tatsächlich nicht sehr radioaktiv. Aber wenn die mikroskopisch kleinen
Partikel sich in so verletzbaren Geweben wie den Lungen oder dem Knochenmark
festsetzen, sind die Folgen außerordentlich schwerwiegend. Da wird auch
das genetische Material betroffen. Wenn die Zellen dann dazu übergehen,
sich im Inneren der Organe zu reproduzieren, verdoppeln und vervielfachen sie
diese Abweichungen. Schließlich ergibt das eine starke
Wahrscheinlichkeit, daß die betroffene Person einen Krebs entwickelt.
Frage: Es soll schon einen Präzedenzfall im Irak gegeben haben. Welches
Ausmaß hatte er?
Charles Ferguson: 1991 haben die Amerikaner und ihre Verbündeten ein
sehr bedeutendes Militärkontingent auf den Boden des Irak geschickt,
Mehrere Waffensysteme benutzten die Munition auf der Basis von abgereichertem
Uran, was sie besonders wirkungsvoll machte: die Hubschrauber des Typs
"Apache", die "Panzerkiller", die Panzer M 11 und das
Flugzeug A 10. Die amerikanische Regierung hat zugegeben, daß mindestens
dreihundert Tonnen abgereichertes Uran auf dem Boden des Irak ausgestreut
worden sind, hauptsächlich im Süden. Welches waren die Konsequenzen
für die Bevölkerung? Das ist ein sehr sensibles Thema. Die Iraker
sprechen von einer Vervielfachung von Krebserkrankungen und Leukämiearten
bei Kindern. Man muß offensichtlich sehr vorsichtig und
zurückhaltend bleiben bei dem Thema, dessen sich die lokale Pro paganda
bemächtigen kann. Eine unabhängige Untersuchung vor Ort wäre
also umso wünschenswerter.
Frage: Wie reagieren Sie auf die Verwendung dieser Munition im Kosovo?
Charles Ferguson: Anfangs hat das Pentagon geleugnet, abgereichertes Uran
auf dem Balkan zu benutzen. Aber kürzlich waren sie gezwungen, es im
Gefolge von Enthüllungen in der Presse doch zuzugeben. Ich bin sehr
besorgt. Im Irak ist diese Munition in wenig bevölkertem Gebieten
verschossen worden, aber auf dem Balkan ist die Bevölkerungsdichte viel
größer. Nach diesen irrtümlich bombardierten Zivilistenkonvois
und der chinesischen Botschaft riskiert man hier einen weiteren kollateralen
Effekt eines ganz anderen Ausmaßes. Leute sterben, Menschen, die wir
nicht töten wollten. Das sind Unschuldige. Und sie drohen auf lange Frist
verseucht zu werden. Das ist schrecklich. Sicherlich, Munition wird gemacht, um
zu töten. Aber man ist nicht gezwungen, ein Material zu verwenden, das die
Zivilbevölkerung auf lange Frist gefährdet. Die US-Navy hat das
abgereicherte Uran schon durch Wolfram ersetzt. Das ist ganz ebenso wirksam, um
die Panzerung von Fahrzeugen zu durchschlagen. Das ist ein Schwermetall, das
auch gewisse Probleme für die Umwelt ergeben kann, aber wenigstens den
Vorteil hat, nicht radioaktiv zu sein, Das Problem ist, daß das
abgereicherte Uran die Hersteller nichts kostet: es ist ein Abfallprodukt der
Atomkraftwerkszentralen, dessen sich die Industrie zu entledigen sucht. Es gibt
davon in den USA 500 000 Tonnen verfügbar...
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