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NATO-Vorstellung um drei Uhr nachmittags

"Wieder ein effektiver Tag"

"The Independent" (London) veröffentlichte am 15. Mal auf der Titelseite folgenden Beitrag ihres Brüsseler Korrespondenten Robert Fisk über die Verlogenheit der NATO-Offiziellen bei ihren täglichen Pressekonferenzen:

Ein Massaker auf der Straße nach Prizren, über 100 Zivilisten - die meisten von ihnen ethnische Albaner - liegen zerrissen im Dorf Korisa, Frauen und Kinder, die zerfetzt wurden von Streubomben der NATO. Und womit begann die NATO ihre Drei-Uhr-Revue gestern nachmittag? Ohne ein einziges Wort über diese Schreckensberichte, ohne ein einziges verdammtes Wort des Erstaunens oder Mitleids. Statt dessen spulten Jamie Shea und sein "Luftwaffe"General die erfolgreichen NATO-Operationen über dem Kosovo ab. "Sie hatten Erfolg", teilte Generalmajor Walter Jertz uns mit. "Es war wieder ein effektiver Operationstag."

In Saigon, während des Vietnamkrieges, gab es die "Five-o'clock Follies" (Fünf-Uhr-Revue). 1991 im Golfkrieg prahlten die Amerikaner mit ihren militärischen Erfolgen in der Vier-Uhr-Revue. In Brüssel beginnt die NATOVorstellung um drei Uhr nachmittags. Doch gestern handelte es sich bei der Show von Shea und Jertz um obszönes Theater. Als wir alle gespannt auf die Reaktion der NATO auf ihr bisher wahrscheinlich schlimmstes Blutbad warteten (oder Serbiens erfolgreichstes Propagandastück), projizierte ein NATO- Techniker ein großes Testbild auf den Bildschirm neben den 19 Flaggen der Allianz. "Sie sagen, wir sind jung und ahnungslos - wartet nicht, bis wir wachsen", besagten die Worte auf dein Bildschirm. Sollten diese Zeilen aus dem Song von Sonny und Cher Galgenhumor sein oder standen sie für einen ungeheuer schlechten Geschmack? In. dem Augenblick als Shea und Jertz auf das Podium traten, war die Antwort klar. "Wir haben bisher keine Indikationen für eine Umgruppierung (!) der serbischen Bodentruppen", verkündete General Jertz. Vierzig Tonnen an Hilfsgütern standen für das Rote Kreuz in Pristina bereit. "Ich kann Ihnen versichern, daß wir alles tun werden, diesen Konvois eine sichere Passage zu ermöglichen."

Wir alle in dem abgedunkelten Joseph-Luns-Auditorium im NATO Hauptquartier hielten die Luft an Verschiedene Journalisten schüttelten ungläubig den Kopf (die Fernsehberichterstattung zeigt diese Bilder natürlich nie). So wie es aussah hat es nie eine sichere Passage in Kosovo gegeben. Wir mußten an die ersten Berichte, die hereinkamen, denken - an NATO-Streubomben, die inmitten von 500 albanischen Flüchtlingen - viele davon Kinder - explodierten. Ein Massaker, das sogar das Prizren-Djakovica-Gemetzel vom April in den Schatten stellen würde. Wir wollten von denen hören, die jung waren aber niemals wachsen würden.

Doch nein, General Jertz von der "Luftwaffe" - oder den deutschen Luftstreitkräften, wie wir sie hier aus irgendeinem Grund nennen sollen - wollte uns erzählen, daß innerhalb von 24 Stunden 679 NATO-Maschinen über Jugoslawien eingesetzt gewesen seien, daß es Angriffe auf Erdölraffinerien, Elektrizitätswerke und den Flugplatz von Batajnica gegeben habe. Auf dem Bildschirm konnten wir - unglaublich - die Worte "EIN GUTER TAG" lesen. Dann legte Mr. Shea mit seinen üblichen Meldungen über serbische Greueltaten los, indem er einige alte Aufnahmen angeblicher Massengräber ausgrub und einige (etwas) neuere von abgebrannten Gebäuden.

Er zitierte aus alten Menschenrechten und Zeitungsartikeln und es gelang ihm, die Namen von sieben Dörfern im Kosovo falsch auszusprechen. "Nur Gott weiß, ehrlich gesagt, was wir finden werden, wenn der Kosovo frei zugänglich sein wird", sagte er und schüttelte würdevoll seinen Kopf Gott weiß, da bin ich mir sicher, woran Mr. Shea denkt; er fürchtet sich wesentlich mehr davor, was westliche Journalisten - von den Serben dorthin gebracht im Dorf Korisa finden würden. Fünfzig Traktoren waren bei dem Angriff zerstört worden, berichteten die Serben. Ganz in der Nähe befand sich ein Gebiet, das unter Dauerbeschuß der NATO lag.

Es war bezeichnend, daß Mr. Shea diese außerordentlichen Berichte nicht erwähnte - sie nicht einmal eine Sekunde lang streifte. Wäre es ihm nur in den Sinn gekommen, daß die Serben diese Menschen abgeschlachtet hätten, er hätte uns alles erzählt, was er wußte. Doch er blieb still. Ein Kollege flüsterte mir ins Ohr, daß Mr. Shea, würde er nach den Berichten über die Massaker gefragt, kein Mitleid mit den Toten äußern werde, aber "wieder einmal eine seiner sorgfältigen und ordentlichen Prüfungen" versichern werde. Und als er schließlich nach den Massakern befragt wurde, äußerte er kein Mitleid mit den Toten, sondern versicherte eine sorgfältige und gründliche Prüfung der Vorfälle. Außerdem hoffe er, so fügte Mr. Shea sarkastisch hinzu, daß die von den Serben in das Dorf gebrachten Journalisten "auf ihrem Recht bestünden, frei umherzugehen und ihre eigenen Nachforschungen anzustellen", - in diesem Moment ist Mr. Shea sowohl Professor für Journalistik als auch NATO-Geschütz und daß sie in der nahegelegenen Stadt Prizren "ethnische Säuberungen" überprüfen sollten. "Sie kennen die NATO - wir sagen ihnen die Wahrheit bei diesen Themen, jedesmal, alle Fakten."

Doch so ist es nicht. Die NATO sagt nicht "alle Fakten". Mr. Shea lügt. Als ich ihn nach der Reaktion der NATO auf die Ernennung eines der malerischeren ethnischen Säuberer als neuen militärischen Befehlshaber der UCK befragte es handelt sich dabei um Agim Ceku, einen der Planer der ethnischen Säuberung an 300 000 Serben aus der kroatischen Krajina - antwortete Mr. Shea mir, er könne dazu nichts sagen, "weil die NATO keine direkten Kontakte zur UCK habe."

Das ist völlig unwahr. Die NATO steht in Verbindung mit der UCK, veranstaltet Sicherheits- und nachrichtendienstliche Tagungen mit ihren Kommandeuren, hält den Radiokontakt mit den UVK-Männern im Kosovo aufrecht. NATO-Offizielle (einschließlich des hochwohlgeborenen J. Shea) kündigen regelmäßig und zustimmend Operationen der UCK an.

Als ich General Jertz fragte, ob die NATO in Serbien abgereichertes Uran (DU) benutzt habe, sagte er mir, daß das seit zwei Wochen nicht mehr geschehe, abgereichertes Uran außerdem unschädlich sei. Auch das ist eine Lüge. Es bestehen stets mehr Beweise dafür, daß der Staub aus abgeschossenen DUGranaten im südlichen Irak zu einer Krebsepidemie geführt hat sowie ein Grund für das Golfkriegssyndrom ist.

Britische Waffentestgelände werden peinlichst genau nach dem Abschuß von DU-Munition gesäubert, ihr Inhalt wird einzeln versiegelt. Nichts, um das man sich Sorgen machen brauche, sagte der General. "Sie können Uran in allen möglichen Dingen finden - in Steinen, in der Erde..." Niemand komme durch den Gebrauch dieser Munition zu Schaden, ergänzte Mr. Shea. So viel zu den deformierten Babys, die jetzt in Basra zur Welt kommen. Und soviel auch, so nehme ich an, zu den kontaminierten Häusern im Kosovo, in die die NATO die albanischen Flüchtlinge zurückschicken will.

Ich frage mich noch stets, woran diese ganze Farce mich erinnert. Hier dokumentieren zwei NATO-Männer Minute um Minute, Stunde um Stunde, Tag für Tag die Vernichtung der Bevölkerung im Kosovo ein Fehler der Serben, gewiß, doch nichtsdestoweniger das Symbol für das totale, elende Versagen der NATO auf dem Balkan. Jeden Tag erzählen sie uns von den Massengräbern, von Tod und Folter. Und nach einer Weile weiß ich, woran mich das alles erinnert - die diskreten Stimmen, die gedämpften Lichter, die Flaggen, die wie abgestorbene Pflanzen hinter dem Podium hängen, sogar der düstere eiserne Todesstern, der erbarmungslos vor dem NATO-Hauptquartier steht. Es erinnert mich an ein Beerdigungsinstitut.

Die höhnende Seelensuche, die alten Bilder, die Ausdrücke des Bedauerns. Der Cockney und der General sind die Leichenbestatter, so unfähig über ein Ende der NATO-Bombardements nachzudenken wie es unmöglich ist das Altem aufzuhalten oder ein Heilmittel gegen das Sterben zu ersinnen.

Der Kosovo ist tot. Seine Menschen sind tot oder vertrieben. Anstelle von Untersuchung, Prüfung lese man Autopsie. Und nach einer Weile dämmert es mir, wie es anderen dämmerte, die diesen albernen Versammlungen beiwohnen, daß wir auf den Tod der NATO vorbereitet werden.


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• Autor: DKP Hessen •



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