Ein Buch zum 85. von Ettie Gingold
Zum 85. Geburtstag von Ettie Gingold ist im Pahl- Rugenstein-Verlag ein Buch von Karl Heinz Jahnke mit dem Titel "Sie haben nie aufgegeben" erschienen.
Und in der Tat: Das Leben und Wirken der Hauptpersonen in diesem Buch, Ettie und Peter Gingold, ist von ihrer Jugend bis heute bestimmt vom antifaschistischen Kampf, vom Kampf für eine lebens- und liebenswürdigere Welt.
Von den Nazis aus rassischen und politischen Gründen verfolgt, lernten sich Ettie und Peter Gingold 1936 im Exil in Paris kennen. Ettie Stein-Haller war 1933 aus Rumänien nach Paris gekommen; Peter Gingold, beteiligt an illegalen Aktionen des Kommunistischen Jugendverbandes (KVJD), verließ Deutschland im gleichen Jahr nach mehrmonatiger Haft.
Widerstand im Exil
Als sich im Juni 1936 junge deutsche Antifaschisten im französischen Exil aus der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), dem Sozialistischen Jugendverband Deutschlands (SJVD) und dem KJVD zusammentaten, um gemeinsam unter dem Namen " Freie Deutsche Jugend" tätig zu werden, waren die beiden dabei. "Wir, deutsche Jungen und Mädels, wir haben uns in der Freien Deutschen Jugend' zusammengeschlossen, um vom Ausland aus unseren deutschen Kameraden in ihrem schweren Kampf gegen das jugendfeindlichste aller Systeme beizustehen", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. Das taten Ettie und Peter Gingold zunächst in der "Freien Deutschen Jugend", dann in den Reihen der Resistance bis hin zur Teilnahme am siegreichen Aufstand zur Befreiung von Paris. Von diesen Jahren im Exil, die von Trennung, Gefangenschaft, Folter und Lebensgefahr bestimmt waren, in denen Peter und Ettie geheiratet haben und ihre erste Tochter Alice zur Welt brachten, handelt der erste Teil 1 des Buches von Karl Heinz Jahnke.
Hoffnungen auf wirklichen Neubeginn
Erst nach und nach traf sich die Familie nach dem Krieg in Frankfurt wieder, und die zweite Tochter Silvia wurde geboren. "Mit großen Hoffnungen begannen die Gingolds das neue Leben. Sie waren nach Deutschland zurückgekehrt, weil sie davon überzeugt waren, daß nach zwölf Jahren Faschismus und sechs Jahren Krieg ein wirklicher Wandel, eine demokratische Neugestaltung stattfinden werde." Doch als aktive KPD-Mitglieder mußten sie schon bald feststellen, daß sie erneut ausgegrenzt und verfolgt wurden. Peter Gingold ging nach dem Verbot der KPD erneut in die Illegalität.
Auch nach der Zulassung der DKP und der Möglichkeit, endlich legal politisch tätig zu sein, wurden die Jahre nicht ruhiger. Lange Kämpfe um die deutsche Staatsangehörigkeit und dann gegen das Berufsverbot der Tochter Silvia begannen. Die Aufklärung über den deutschen Faschismus und seine Ursachen, das Wiederaufleben von Neofaschismus und der Kampf gegen die Aufrüstung bestimmten nun das Leben der Familie Gingold.
Ettie Gingold berichtete 1983 über die Gespräche bei der Sammlung von Unterschriften für den Krefelder Appell gegen die Stationierung neuer Atomwaffen: "Bei meinen Diskussionen während der Unterschriftensammlung konnte ich viele Menschen überzeugen, daß es nicht genügt, den Frieden zu wollen, sondern daß man auch etwas für den Frieden tun muß, jeder jetzt und heute. Wir dürfen nicht auf die Politiker hoffen, wir müssen sie unter Druck setzen. Ich habe die Erfahrung gemacht, kämpfen lohnt sich."
Die Idee des Sozialismus überlebt
Kämpfen lohnt sich - an dieser Gewißheit konnten auch der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten und der vorläufige Durchmarsch des Kapitalismus nichts ändern: "Nicht zu verhehlen ist, daß sie, ähnlich wie viele Gleichgesinnte, von der tiefgreifenden Niederlage schwer getroffen wurden, ( ... ) Vieles ist jetzt noch schwerer geworden. Das ist aber für sie kein Grund, ihre Vision von der Zukunft aufzugeben. Im Gegenteil, die heute bestehenden Verhältnisse verstärken die Notwendigkeit, als Alternative zu der Welt des Kapitals eine gerechtere, menschenwürdigere, freie Gesellschaft aufzubauen. Für Ettie und Peter Gingold ist die Idee des Sozialismus nicht tot und überlebt."
Wenn Peter Gingold heute auf antifaschistischen Veranstaltungen, Demonstrationen oder Kundgebungen zum Mikrophon geht, sind es oft junge Antifaschistinnen und Antifaschisten, denen er etwas zu sagen hat und die ihm zuhören.
Dabei beschränkt er sich keineswegs auf die Geschichte des Hitierfaschismus, sondern findet zu der heutigen Rechtsentwicklung immer wieder deutliche Worte. So hielt er zum Beispiel im November 1992 in Bonn eine Rede für den Erhalt des Asylrechts: An welcher Form auch immer Rassismus und Fremdenhaß in unserem Land zu Tage treten, hier riecht es nach Gas! In Erinnerung an das Schweigen und Wegsehen vor 54 Jahren, als die Synagogen brannten, die die ,Endlösung der Judenfrage' und die Verwandlung ganz Europas in ein Meer von Blut und Tränen ankündigten, hätte es spätestens nach der ersten Brandbombe auf ein Asylheim einen millionenstimmigen Aufschrei des Entsetzens unseres Volkes geben müssen: Nein, nein, das lassen wir nicht mehr zu. Diesen Schrei hat es nicht gegeben. Dafür liefern die Regierungsverantwortlichen den Brandbomben das Benzin nach, indem sie lauthals verkünden: Jetzt rasch weg mit dem Artikel
16."
Auch heute reist Peter Gingold als Bundessprecher der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Bund der Antifaschistlnnen (VVNBdA) noch unermüdlich zu Veranstaltungen und Diskussionsrunden, um vor allem Jugendlichen ans Herz zu legen, den antifaschistischen Kampf der Widerstandskämpferlnnen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und ihn fortzuführen.
Das Buch "Sie haben nie aufgegeben - Ettie und Peter Gingold - Widerstand in Frankreich und Deutschland" dokumentiert eine Fülle solcher Beispiele, wie Ettie und Peter Gingold Partei ergriffen haben und Widerstand leisteten - gestern und heute. Nach einer ausführlichen Beschreibung der Geschichte Ettie und Peter Gingolds von ihrer Kindheit bis heute, die durch zahlreiche Fotos begleitet wird, befinden sich im Anhang über 20 Textdokumente von den beiden. Keine Frage: Das Buch lohnt sich für jung und alt und macht Mut f`ür ein widerständiges Leben.
Wera Richter (Karl Heinz Jahnke:
"Sie haben nie aufgegeben - Ettie und Peter Gingold - Widerstand in Frankreich und Deutschland", 251 Seiten, Hardcover,36 DM, Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH, ISBN 3-89144-255-6. Auch zu beziehen über den Neue Impulse Verlag.)
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