Logo DKP Adresse der DKP Hessen als Bild mit Link zur Email-Adresse
Suche auf DKP-Hessen
durchgeführt von FreeFind
HomepageLinksFundus • < PersönlichkeitenVeranstaltungenBücher
Kleinzeitungen:
Mörfelden-Walldorf
Gießen
Reinheim
Kreis Darmstadt
Marburger Echo
Taunus Echo
Offenbach
Wiesbaden
Frankfurt
Archiv

DKP vor Ort:
Darmstadt-Dieburg
Frankfurt
Fulda-Vogelsberg
Gießen
Nordhessen
Hochtaunus
Wiesbaden
Kassel
Lahn-Dill
Marburg
Offenbach
Main-Kinzig/Hanau
Main-Taunus
Groß Gerau



Emil Carlebach - Meine Haftzeit in Hameln

Emil Carlebach ist Widerstandskämpfer, Kommunist und Jude; im KZ Buchenwald war er der Lagerälteste der Judenbaracke 22
Bild von Emil Carlebach

Das was ich schildere, habe ich erlebt als 19-Jähriger und in den folgenden Jahren. Ich bin mit 19 Jahren verhaftet worden. Meinen 20.Geburtstag habe ich in einer Zelle des Gefängnisses Hameln verbracht. Nachdem ich zu 3 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, von Richtern, die alle vorher gute Demokraten gewesen sind, und natürlich nach '45 als ihnen ihr Führer abhanden gekommen war, es wieder wurden. Ich hab die ganze Erbärmlichkeit dieses Packes ja in meiner eigenen Geschichte erlebt.

Ich wurde in Frankfurt verhaftet, in meiner Heimatstadt in Kassel verurteilt, Oberlandesgericht und dann nach Hameln gebracht im Mai 1934. Ich kam als besonders gefährliches Individuum (vorbestraft, und nunmehr die Höchststrafe) in Einzelhaft in den Zellenflügel. Nach 1 1/2 Jahren in etwa, wurde das Gefängnis Hameln in ein Zuchthaus umgewandelt, weil die Strafen immer schärfer geworden waren, es immer mehr Zuchtshausgefangene gab. Und ich wurde mit anderen zunächst nach Lingen an der Ems gebracht. In Lingen an der Ems hat man so einen gefährlichen Schwerverbrecher wie mich nicht haben wollen. Man hat mich am nächsten Morgen postwendend im Einzeltransport nach Hannover zurückgeschickt, wo ich ja die anderen 1 1/2 Jahre verbracht habe. Als die um waren, stand die "grüne Minna" vor der Türe und ich wurde dann per Schub über die Eisenbahn nach Dachau gebracht.... Verurteilt wurde ich am 27.4.34 wegen Herstellung illegaler Gewerkschaftszeitungen.

Die Einzelhaft im Gefängnis in Hameln
Für mich war Hameln eine Erleichterung. So lange ich bei SA und Gestapo war, konnte ich jeden Moment totgeschlagen oder mindestens gefoltert werden. Die Strafjustiz, die Justiz, d.h. die Herren Richter und Staatsanwälte waren inzwischen alle Naziverbrecher geworden, sie wurden dann 1945 wieder christliche Demokraten. Aber im Strafvollzug hat sich dies kaum ausgewirkt. Da lief alles, so wie vorher auch, bürokratisch, primitiv, menschenunwürdig, aber nicht lebensgefährlich. Ich war 1933 schon einmal bestraft worden und damals war noch nicht alles gleichgeschaltet, damals bin ich noch einmal freigekommen. Ich wurde also 1934 zum zweitenmal wegen antifaschistischer Aktivitäten bestraft und war damit ein ganz besonders gefährlicher Staatsverbrecher, so dass ich also in Einzelhaft kam.

Da war der Zellenflügel, ein langgestreckter Bau mit langen Art Korridoren und rings um sind Zellen. Dann geht es Treppen hoch, die durchlässig sind, so daß der Beamte auch von unten durch die Treppen durch hoch nach oben schauen kann, ob da was geschieht. Und oben ist nicht mehr ein Stockwerk, sondern eine Galerie, so daß man unten nach oben und von oben nach unten alles übersehen kann. Ich wurde also in eine solche Zelle im ersten Stockwerk eingesperrt, und da war ich nun mit der Perspektive 3 Jahre. Mir war klar, daß bevor der Hitler krepiert ist, komme ich nicht mehr in Freiheit.

Meine Zelle
Und dann hatte ich mich in meiner Zelle zurechtzufinden, die war etwa fünf Meter lang und 2 einhalb bis 3 Meter breit). Da war an der einen Wand ein Eisengestell als Bett, das mußte tagsüber hochgeklappt werden und an der gegenüberliegenden Wand war ein hochklappbarer Tisch und in der Ecke war der Abortkübel mit einem Zinkkübel, der blitzblank gewienert werden mußte und dann gab es noch an der Wand ein kleines Spind, ein viergeteilter Kasten, ein Viertel für den Essnapf, ein Viertel für Besteck, ein Viertel für Klosettpapier, das aus zerrissenen Zeitungen bestand und ein Viertel für Briefe, die man von Zuhause erhalten hatte oder für das Buch, das man aus der Häftlingsbibliothek über die Woche bekam. Auf diesem Kästchen war eine Zinkschüssel als Waschgelegenheit, daneben eine Kanne für das Waschwasser. Und hinter dem Kasten in einem verschmutzten Stoffsack ein paar Ziegelbrocken und Lappen, die dazu dienen sollten, den Kübeldeckel des Lokuseimers und die Waschschüssel blitzblank zu reiben.

Das war die Einrichtung und darauf hatte ich mich einzustellen. Und ich hatte Glück gehabt, ich war ja nicht zum Krüppel geschlagen worden. Welche Straftat ein Häftling begangen hatte, war völlig uninteressant. Wichtig war, dass er sich bedingungslos gehorsam jeder Anweisung unterwarf, dass er dem Wachtmeister nicht zusätzliche Arbeit machte, dass er Waschschüssel und Klosettdeckel ebenso wie den Fußboden blitzblank putzte. Das war entscheidend.

Arbeit und Widerstand im Gefängnis
Als Arbeit bekam ich das Drehen von Peitschenschmitzen (gedrehte Hanfstricke), die an eine Fuhrmannspeitsche gebunden wird, damit es richtig knallt. Um die zu drehen hatte der Häftling ein Apparat in seiner Zelle stehen,mit einer Kurbel zum drehen und am anderen Enden ein Haken, der sich auch drehen konnte. Dann nahm ich eine Strähne Hanf und drehte ihn zu einem Zopf, machte dann einen Knoten, drehte weiter, wieder Knoten usw. Es gab ein bestimmtes Pensum, das man schaffen mußte, dann bekam man einige Pfennige gutgeschrieben, nach 3 Jahren hatte ich einen Arbeitsverdienst von 30 Mark. Dieses Ding zu haben war noch ein Vorzug, denn an der Seite war das so ausgebohrt, das dahinter ein Hohlraum war, zunächst gedacht für die Raucher (denn zu den blödsinnigen Schikanen des Strafvollzuges gehörte Rauchverbot), war zunächst der Tabak versteckt und da konnte man einen Bleistiftstummel verstecken und ein wenig Papier.

Und neben mir lag Walter Krämer, Matrose seiner kaiserlichen Majestät im 1. Weltkrieg, beteiligt an dem ersten Aufstand der Matrosen 1917, dessen Führer Reichspietsch und öbis erschossen wurde. Walter Krämer hat 5 Jahre Festung bekommen, die er in Köln verbüßen sollte, wurde bei der Revolution 1918 befreit, war dann Spartakus-Kämpfer, war dann beim Kapp-Putsch 1920 ein Abschnittsführer der Roten Ruhrarmee, die für die davongejagte sozialdemokratische Regierung, und gegen die faschistische Reichswehr kämpfte, aber als die Reichswehr niedergekämpft war, wurden die Kämpfer der Roten Armee als Hochverräter gejagt.

Walter Krämer war dann einige Jahre illegal und zu der Zeit 1933 war er Bezirksleiter der KPD und Landtagsabgeordneter in Hannover und er hatte nun 3 Jahre wegen Vorbereitung zum Hochverrat genau wie ich hier zu verbüßen. 1934 gab es eine Verbindung zwischen ihm und der illegalen Partei in Hameln, und so wurde seine Flucht vorbereitet. Dazu brauchte er unter anderem eine Strickleiter, um über die Gefängsnismauer zu kommen, und ich sollte ihm den Hanf liefern aus dem die Strickleiter gemacht wurde. Das tat ich auch. Und bin heute noch stolz darauf, dass ich da ein wenig helfen konnte. Leider wurde aus der Flucht nichts. Zufällig oder durch Verrat wurde die Zelle von Walter vorher durchsucht. Es begannen Verhöre. Fritz Häusner wurde vorgeführt, auch ich und andere. Natürlich sagte keiner von uns ein Wort. Aber der Kalfaktor Fritz Häusner, ein Funktionär des Roten Frontkämpferbundes aus Frankfurt, wurde abgelöst, und gegen Walter Krämer ordnete Engelhart eine besonders infame Maßnahme an: er wurde nicht nur in einen anderen Teil des Zellengefängnisses verlegt, sondern erhielt von nun an zwei Zellen. In einer war er tagsüber eingesperrt , abends mußte er sich völlig ausziehen, nackt über den Gang gehen, und so wurde er in einer anderen Zelle eingesperrt. "Fluchtverdacht". Walter kam später ins Strafgefängnis Hannover, dann ins KZ Lichtenburg und von dort nach Buchenwald, wo ich ihn wiedertraf...Er wurde in Buchenwald ermordet. Mir wurde nun der Hanf entzogen, und ich bekam nun die Aufgabe Tüten zu kleben, so daß ich mit Strickleitern nichts mehr anfangen konnte. So klebte ich für die Keksfirma Trüller Tüten. Ich hatte eine solche Wut in dem Bauch über die ganzen Geschichten, so gab ich in die Tüten ein Leimklecks in die Mitte, sie waren nicht mehr zu öffnen, sie rissen auseinander. Und da sie alle in einem Schwung abgenommen und in einen Korb geworfen waren, war nicht mehr festzustellen, wer diese Sabotage in der deutschen Kekswirtschaft betrieben hatte, aber wieder einmal war ich in Verdacht ohne Beweis, und von da an durfte ich Hakenkreuzfähnchen kleben, und das ist ja nun das erbärmlichste. Bevor ich diese Tätigkeit bekam, gab es einen Zwischenfall:
Der Stationswachtmeister Oberwachtmeister Eggers, war wohl der Ansicht, daß ich als junger Mensch (ich war noch keine 20 Jahre alt, mit einer langen Strafe vor mir) geeignet sein könnte, ein williger Diener, das heißt ein Kalfaktor zu werden. Die Kalfaktoren waren Häftlinge, die gewisse Privilegien genossen. Sie mußten die Fußböden in den Gängen wienern, daß sie blitzten; sie transportierten Essenskessel von der Küche zu den Zellen und zurück. Dafür blieben ihre Zellentüren weitgehend unverschlossen. So schloß jetzt Eggers meine Zellentür auf, winkte mich auf den Gang und wies mich an, mit einem anderen Kalfaktor zusammen den 50l Kessel mit dem sogenannten Tee zum Abendessenn von Zelle zu Zelle zu tragen. In einer Zelle lag ein Mann mit allen vieren von sich gestreckt, er hatte wohl einen Anfall. Wir sollten ihm Tee einfüllen und weitergehen. Ich ließ jedoch den Griff los und sagte: "Zuerst muss dem Mann geholfen werden." Damit war mein Kalfaktordasein nach etwa 5-7 Minuten bereits zu Ende und jede Chance vergeben, irgendeine Funktion im Gefängnis zu bekommen. Solche Typen konnte man nicht brauchen.

Die Strafanstaltsbeamten
Ich will nichts sagen über die heutigen Strafanstaltsbeamten. Es ist ein halbes Jahrhundert vergangen. Ich weiß nicht, wie es heute ist. Damals wars folgendermaßen: Jeder 12ender, jeder der 12 Jahre Berufssoldat gewesen war, hatte einen Zivilversorgungsschein, d.h. er hatte ein Anrecht darauf im Öffentlichen Dienst beschäftigt zu werden. Bei der Bahn, bei der Post, bei der Polizei, im Verwaltungsdienst, im Strafvollzug. Wer bei allen Prüfungen durchgefallen war, der kam in den Strafvollzug. Denn eine Tür auf und zu schließen, das traute man ihm dann auch noch zu. Es waren also die primitivsten, faulsten, und dümmsten Figuren aus der Reichswehr, die bei uns in Hameln waren. Dieser Eggers war wohl ein früherer Feldwebel gewesen. Der Kerl trug ein Korsett, das wußten wir. Und das waren nun die Leute, die uns zu "anständigen" Menschen erziehen sollten.

Resozialisierung im Knast
Für die bestand die Erziehung darin, den Klosettdeckel blitzblank wichsen, den Fußboden blitzblank säubern, strammstehen, "Jawoll, Herr Wachtmeister oder Herr Oberwachtmeister" sagen und wer das konnte und lang genug durchgehalten hat, das war ein guter resozialisierter Häftling. Aber wehe man wollte etwas zusätzlich, z.b. man fühlte sich schlecht oder man glaubte aus irgendeinem Grund man muß jetzt vorgeführt werden beim Direktor oder was weiß ich wo. Da war neben der Tür ein Griff, wenn man den zog, fiel außen im Gang eine Klappe herunter, das hörte man auch, dann mußte der Wachtmeister in seiner Zelle aufschließen und dahin gehen und fragen, was los war. Und dann wollte der Kerl unter Umständen einen Sonderbrief schreiben..... und demententsprechend war die Beurteilung. Wer alles sauber wienerte, stramm stand und keine zusätzliche Arbeit machte, war der vorbildliche Häftling. Und ich war nicht vorbildlich.

Hauptwachtmeister Blume
Die hatten ihre Abstufungen: Wachtmeister, Hauptwachtmeister, Oberwachtmeister. Und dann gab es es den 1. Hauptwachmeister Blume, der erstens einmal sooo einen Bauch, zweitens soo eine Knollennase, knallrot vom Schnaps oder Wein oder Bier und Schleppsäbel. Der 1. Hauptwachtmeister marschierte mit Schleppsäbel durch die Anstalt. Und wir hatten pro Tag 20 min Spaziergang im Hof. In dem Hof gab es einen Kreis, wo man wie das Schlachtvieh links rum laufen mußte, 2m Abstand, Unterhaltung wurde nicht geduldet bzw. bestraft. Die aber, die kränklich, behindert oder sehr alt waren, die durften mit langsameren Schritt in einem kleineren Kreis laufen. Also das galt irgendwie als Vorzug. Ich begreife bis heute nicht, was da der Vorzug sein sollte. Aber jedenfalls gab es Häftlinge, die danach drängten, irgendwie vom Arzt ein Attest zu kriegen, daß sie im kleinen Kreis laufen durften. Da erschien nun der 1. Hauptwachtmeister mit Schleppsäbel: "Ausweise vorzeigen!" und dann mußte jeder seine schriftliche Berechtigung vorweisen, daß er im kleinen Kreis laufen durfte.

Kontakt mit anderen Genossen
In Hameln traf ich Genossen, die ich aus der Zeit vor der Verhaftung im Widerstand bzw. der illegalen Arbeit kannte, z.B. Andre Hövl, einen Angestellten der OpelWerke in Rüsselsheim, der mit mir in der selben illegalen Gruppe gearbeitet hatte, nach der Gefängniszeit nach Buchenwald kam, freigelassen wurde und dann wegen neuer illegaler Arbeit zusammen mit seiner Frau Anneliese von den Nazis hingerichtet wurde, von den Herrn Richtern zum Tode verurteilt wurde. Ich traf in Hameln Carl Schreiber aus dem Odenwald, der mit mir zusammen im Kommunistischen Jugendverband gewesen war, der dann auch nach Buchenwald kam, es aber zum Glück überlebt hat.

Kommunistische Zellenbildung
Und eines Tages beim Spaziergang im Innenhof, die Häftlinge kamen immer auf solche Ideen, den Häftlingen ging der Schuhriemen auf, man blieb stehen, band sich den Schuhriemen wieder zu und wartete bis der Mithäftling mit dem man in Kontakt treten wollte, gerade vorbeiging und reihte sich dann vor oder nach dem in die Reihe ein, um also aus halbgeschlossenen Mund einige Worte wechseln zu können. Und der Eggers erwischte mich also, als ich mit Andre Höfl sprach, ich weiß heute nicht mehr, worüber wir sprachen, und der Hauptwachtmeister wußte es erst recht nicht. Aber ich bekam einen Aktenvermerk wegen kommunistischer Zellenbildung im Gefängnis, das hätte mir den Tod bringen können, glücklicherweise war es nicht so.

Gefängnispfarrer Bormann
Und dann gab es den besonderen Typ, das war der Gefängnispfarrer Bormann. Das war ein relativ junger Mann, der unter einem Minderwertigkeitskomplex litt, daß er Pfarrer und nicht SASturmbannführer war. Der erzählte überall herum, er sei der zweite Sohn eines Erbhofbauern, und hätte deswegen den Hof nicht übernehmen können und sei Pfarrer geworden, aber diejenigen Häftlinge, die aus dergleichen Stadt erzählten, er sei Sohn eines Händlers, der da nur angab. Also mich hat der Kerl geärgert und alle unsere Post lief ja durch die Zensur und ich war 19, 20 Jahre alt und wollte mich irgendwie an dieser Bande revanchieren. Ich teilte also der Gefängnisleitung mit, daß ich Dissident bin und mich deswegen dagegen wehre, daß der Pfarrer meine Briefe zensieren darf. Aufgrunddessen war ich dessen "Liebling" geworden und dann passierte folgendes.

Im Herbst 1934 war es wie jeden Herbst, da feierte die Regierung auf dem Bückeberg unweit von Hameln das Erntedankfest. Es war verbunden mit einer großen Militärschau und einer Ansprache des Reichskanzlers Hitler. Schon am Vorabend des Tages wurde im Zellenflügel des Gefängnisses Hameln ein Radioapparat aufgestellt, der nun per Lautsprecher am nächsten Tag die Hitlerrede übertragen sollte, zu unserer "Erbauung". Am Tag bevor Hitler sprach, wurde die Tür meiner Zelle aufgerissen und wutschnaubend stand Gefängnispfarrer Bormann vor mir, ich hätte beim Einrücken vom Spaziergang aus der Ferne eine drohende Handbewegung gegen den Rundfunkapparat gemacht. Ich hätte also Adolf Hitler, 24 Stunden bevor er zu hören war, im voraus aus der Ferne bedroht. In der Nebenzelle lag Rudi Schneider, der Zuhälter aus Kassel. Dessen Zelle schloß er auf, und wollte den nun dazu bringen, daß er bezeuge, daß ich den Radioapparat mit der Faust bedroht hätte. Aber der Zuhälter war anständiger als der Pfaffe, der Zuhälter lehnt es ab gegen mich auszusagen. So machte Herr Bormann eine Anzeige gegen mich.

Direktor Engelhart
Und Direktor Engelhart verknackte mich wieder zu 3 Tagen Arrest. Engelhardt gehörte der BlaukreuzlerTruppe an, das war eine evangelische Antialkoholiker Gruppe. Und so oft ich diesem Engelhart vorgeführt wurde, saß er im Mantel und mit in die Stirn gezogenen Hut, ich habe dem niemals in die Augen sehen können. Der saß so da und verknackte mich jedesmal zu Arrest. Hinter ihm stand der Herr Hauptwachtmeister mit dem Schleppsäbel.

Die Beschwerde
Ich hab zwar von der Bande keine Gerechtigkeit erwartet, aber diese Unverschämtheit, unter einem solchen blödsinnigen Vorwand mich in Arrest zu werfen, hat mich so geärgert, daß ich, als ich aus dem Arrest kam, einen Beschwerdebrief an den Generalstaatsanwalt in Celle, dort war die Aufsichtsbehörde, geschrieben habe. Eines Tages ging die Celle auf "Carlebach, mitkommen!" Dann wurde ich in das Direktionszimmer vorgeführt. Dort war ein dicker Teppich, Sofa, Lehnsessel usw. In dem Sofa zurückgelehnt sitzen nebeneinander der Herr Direktor und der Herr Generalstaatsanwalt Creyer mit einer dicken Zigarre im Munde und ich nur mit meinen Holzklumpen und meiner verwaschenen Knastuniform. Dort gebe ich meine Beschwerde zu Protokoll und der Herr Generalstaatsanwalt: "Das erleben wir ja alle Tage, daß der Angeklagte leugnet, was man ihm vorwirft. Da sehe ich keinen Grund einzugreifen." In dem Moment, wo er das nächste Wort sagte, knallte ich meine Holzlatschen zusammen, "Ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen Herr Generalstaatsanwalt", und war schon wieder draußen bevor er mir 3 Tage Arrest wegen unbegründeter Beschwerde hätte aufbrummen können. Einige Zeit später nahm Gott, der Herr mit einem Autounfall auf der Autobahn Herrn Generalstaatsanwalt Creyer zu sich, so daß er auf Wolke 7 wohl Häftlinge verhören kann...

Gefängnisrabbiner Meyer
In Hameln, im Mai spätestens Juni 1934, wir waren vom Spaziergang gerade wieder reingekommen und ich stand noch vor meiner Zellentür in der Erwartung, daß der Wachtmeister kommt und mich einschließt und gucke runter und sehe da kommt im Parterr ein kleiner Mann mit Hut und weißem Spitzbart, "Heil Hitler". Dann wurde ich in meine Zelle eingeschlossen. 5 Minuten später geht die Zellentür auf und dieser kleine Mann mit weißem Spitzbart steht vor mir: "Ich bin der Gefängnisrabbiner Meyer" Das gab es 1934 noch. Ein Gefängnisrabbiner mit "Heil Hitler", so schnell ist der wahrscheinlich noch nicht aus einer Zelle wieder rausgekommen, wie er bei mit reingekommen war.

Mithäftling Fischbach
In Hameln gab es die ulkigsten Figuren, da hatten wir in einem Zellenflügel den Mithäftling Fischbach, der war auch politisch dort, ein Trotzkist aus Göttingen und war ein Buchhändler. Und der war offenbar in der Zeit der Weimarer Republik schon öfter eingesperrt gewesen und hat dann jedesmal die Kommunistische Landtagsfraktion mobilisiert gegen wirkliche oder angebliche Schikanen und die waren auch erschienen und haben den Wachtmeistern und Gefängnisdirektoren gehörig eingeheizt, und diese Wachtmeister haben noch 1934 nicht begriffe, daß das vorbei ist. Und hatten immer noch einen Mordsrespekt vor dem Fischbach, der gar nicht mehr imstande gewesen wäre, irgendjemand zu Hilfe zu holen. Und der vertrieb sich nun die Zeit, indem er auf seine Weise die Leute ärgerte. Er ließ sich einen Bart wachsen. Da gibt es aber eine Vorschrift, daß ein Gefangener sein Aussehen nicht verändern darf. Der Direktor teilte ihm also mit, daß er sich keinen Bart wachsen lassen darf. Worauf Fischbach "Mein Körper gehört mir", sich weigerte, den Bart abrasieren zu lassen, also ging er in Arrest, kam aus den Arrest raus, weigerte sich wieder, kam wieder in Arrest. Das machte er solange bis der Direktor für ihn das Bart tragen genehmigte. Dann ließ sich Fischbach den Bart abrasieren. In der Zeit der Republik war er angeklagt wegen Verbreitung pornographischer Schriften, was ich ihm durchaus zutraute und der Prozeß sei geplatzt, als er mitten in der Verhandlung sagte, "Herr Vorsitzender, ich weiß gar nicht, was sie von mir wollen, der Herr Staatstanwalt, ist doch einer meiner besten Kunden."

Der SAMann
Außer den 12ender kamen sie dann auf die Idee, gediente SALeute in den Vollzugsdienst zu holen und so bekamen wir einen SAMann, der nun wirklich zu dumm war, um eine Schüssel umzutreten. Wir erlebten einmal vom Spaziergang zurückkehrend auf dem Weg in die Zellen, blickten wir auf den Hof, dort marschiert eine andere Gruppe. Und dieser SAMann mit einem Karabiner auf der Schulter, war einer der Wachtmeister und von seinem Zellenfenster gab der Fischbach dem SAKerl Anweisung, wie der Karabiner zu bedienen sei. Denn Fischbach war natürlich auch Soldat gewesen. Eine andere Sache: Wir kommen vom Spaziergang zurück und bleiben stehen an der Zelle von Fischbach, die offen ist, Fischbach steht in der Zellentür mit dem Gesicht nach der Zelle und in der Zelle ist dieser SAMann. Der SAKerl sagte Fischbach, "der Deckel seines Abortkübels sein nicht gewienert". Und Fischbach, der vielleicht schon zum 6. mal im Knast war mit der Mine des Naiven, "ja wie soll ich das denn machen, Herr Wachtmeister, das ist eben so," "Ja die müssen sie putzen" sagte der SAMann, "Putzen wie macht man das" fragte Fischbach. "Naja, da haben sie doch hier das Säckchen mit Ziegelsteien zum Reinigen". Darauf Fischbach: "Ich hab mir schon überlegt, was soll das Zeug, hier, das macht doch nur Dreck". "Ach was", entgegnete der SAMann und nahm die Ziegelsteine, geht in die Knie und begann den Abortdeckel des Häftlings zu wienern, um dem endlich klar zu machen, was er zu tun hätte. Wir standen hinten und mußten uns das Lachen verkneifen. Das war Fischbach.

Ab ins Moor
Herbst 1935 ging die Parole durch den Bau, daß wir verlegt werden. Einfacher Grund: die Urteile waren immer schärfer geworden, es gab immer mehr Zuchthausgefangene gegenüber den Gefängnisgefangenen. Man brauchte Zuchthäuser, das Gefängnis Hameln wurde in ein Zuchthaus umgewandelt und die Gefängnisgefangenen kamen weg. Und nun ging die Parole von Mund zu Mund, "Man kann sich ins Moor melden", Moor war nicht das KZ Esterwegen, sondern das daneben liegende Strafvollzugsmoorlager Esterwegen. Das war kein Vergnügen aber im Moor durfte man rauchen. Und alle Raucher meldeten sich ins Moor. Ich bin ja nun Nichtraucher und habe da lange geschwankt, denn Moor war ganz bestimmt schlimmer für mich als Einzelhaft, aber auf der anderen Seite, dann wäre ich die paar Verbindungen, die mit Kameraden und Genossen in Hameln hatte abgerissen. Ich meldete mich also auch ins Moor. Eines morgens fuhr ein Omnibus vor, 30 Mann von uns in den Bus, 2 Wachtmeister mit Karabinern und ab gehts per Omnibus in Richtung Lingen an der Ems. Wir fahren in Hannover rein und über der Straße ein riesiges Transparent "Diese Stadt ist judenfrei." Ich sage, "Herr Wachtmeister, ich muß aussteigen, ich bin Jude, ich darf hier nicht rein." Aber dafür hatten die keinen Sinn, ich durfte nicht aussteigen.

Lange nachdem ich weg war, lange nachdem Hameln Zuchthaus wurde, lag der Genosse Schäfer aus Frankfurt, später in der Führung der westdeutschen KPD im Zuchthaus. Und als kurz vor der Befreiung die Gestapo kam um ihn zur Erschiessung abzuholen, sagte der Direktor Engelhart, "der ist längst nicht mir hier, der ist längst verlegt worden", da hat er was riskiert, um einen Häftling zu retten. So verschieden können sich Menschen verhalten.


http://www.dkp-hessen.de/
• Autor: DKP Hessen •



Löwe von DKP Hessen


DKP und UZ stärken!
DKP und UZ
 
Mitgliedswerbung für DKP

UZ Abo-Karte als PDF
laden
ausdrucken
ausfüllen
abschicken