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Emil Carlebach - Wider das Vergessen

Widerstandskämpfer und ehemaliger Häftling der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau
Bild von Emil Carlebach

Lieber Emil, du bist in einer bürgerlichen Familie in Frankfurt am Main aufgewachsen. Wie kam es dazu, daß du diesen politischen Weg eingeschlagen hast? Wie war die Reaktion deiner Familie und deines Umfeldes darauf?
 Ich bin 1914 als Sohn einer bürgerlichen jüdischen Familie geboren. Mein Vater wurde sofort als Soldat eingezogen. Ich lernte ihn erst kennen, als ich schon 5 Jahre alt war. Meine Mutter war freiwillige Krankenschwester beim Roten Kreuz. Es war eben wie bei den jüdischen Bürgern in Deutschland damals alles sehr patriotisch. Das hat nicht verhindert, daß mein Vater in Buchenwald und meine Mutter in Auschwitz umgebracht wurden - für all das!

Politik spielte bei uns in der Familie keine Rolle. Daß es soetwas wie eine Arbeiterbewegung gab, wurde überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Ich wurde aus diesem geruhsamen Leben herausgestoßen durch die weltweite Bewegung Mitte, Ende der 20er Jahre, gegen den Justizmord in Amerika an den beiden Arbeitern Sacco und Vanzetti. Mein jugendliches Gerechtigkeitsgefühl empörte sich. Ich begann Bücher zu lesen über die Arbeiterbewegung. Ich lernte dann zunächst Schüler kennen, die vom Sozialismus angerührt waren. Und zu der Zeit, das war also Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre, war auf der einen Seite die Massenarbeitslosigkeit, auf der anderen Seite das Hochkommen der faschistischen Terrorbanden.

Das alles trieb mich dazu, daß ich zunächst in den Sozialistischen Schülerbund und dann in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands und, als ich 18 Jahre wurde, in die Kommunistische Partei Deutschlands eintrat. Meine Eltern haben von all dem zunächst mal nichts gewußt. Als sie etwas merkten, nahmen sie es als jugendlichen Überschwang. Und als es dann sehr ernst wurde, und ich 1933 das erste Mal von der SA verhaftet wurde, war natürlich die politische Konfrontation eindeutig.

Aber mein Vater war ein so mutiger Mann, daß er mir sagte: "Ich bin zwar in keiner Weise einverstanden mit dem, was Du da tust, aber ich bin Dein Vater, Du bist mein Sohn, Du kannst bei mir in der Wohnung leben, solange Du das aushältst". Nun, ich ging dann weg, weil ich ihn, weil ich diese jüdische Familie nicht durch illegale Arbeit gefährden wollte und wurde dann 1934 verhaftet, ohne daß die Gestapo erfahren konnte, wo ich meine illegale Wohnung hatte.

Die deutschen FaschistInnen beraubten dich im Jahre 1934 endgültig deiner Freiheit, und du kamst für 3 Jahre ins Gefängnis. Im Jahre 1937 wurdest du dann ins KZ Dachau und im Jahre 1938 schließlich ins KZ Buchenwald verschleppt. Dort warst du bis zu eurer Selbstbefreiung am 11. April 1945. Warum wurdest du damals verhaftet und später ins Konzentrationslager verschleppt?
Ich bekam 3 Jahre Gefängnis wegen der Herstellung antifaschistischer Gewerkschaftszeitungen. Die Richter, die mich verurteilten, hatten zuvor auf die Weimarer Verfassung geschworen. Jetzt waren sie hemmungslose Naziverbrecher, und am 9.Mai 1945 traten sie natürlich dann wieder, wie alle ihre Mitschuldigen, als gute Demokraten auf und bauten die demokratische freiheitliche Bundesrepublik auf.

In den 3 Jahren Gefängnis hatte ich ausreichend Zeit, mich darauf vorzubereiten, daß ich ins KZ kommen würde. Denn das stand für mich fest - zweimal vorbestraft, jüdische Herkunft, gab's garnichts anderes. Und ich war mir dessen bewußt, was KZ bedeutet: Folter, Grausamkeit, Hunger, Todesgefahr. Aber ich war entschlossen, es durchzustehen. Ich hatte, wie so viele meiner Genossinnen und Genossen, die Überzeugung, dieses Verbrecherregime kann und wird nicht bestehen bleiben - wir werden es überleben. Und ich hatte, wie alle meine Genossen, die Hoffnung, daß wir dann ein Deutschland ohne Ausbeutung, ohne Militarismus, ohne faschistischen Terror aufbauen würden.

Welche Menschen, denen du in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald begegnet bist, waren und sind dir besonders wichtig? Welche Gefühle hattest du damals gegenüber den TäterInnen, und haben diese Gefühle sich im Laufe der Jahre geändert?
Ich habe im Lager schreckliche Dinge, tausendfachen Tod, tausendfache Folterungen erleben - mit ansehen müssen und habe gleichzeitig Menschen getroffen, die in ihrem Mut, ihrer Selbstaufopferung, ihrer Solidarität mir Vorbild geblieben sind - bis heute. Für alle meine Genossen - kommunistische Genossen, Rudi Arndt - Jungkommunist, Heinz Eschen - Jungkommunist, Theo Neubauer - der Offizier und Lehrer gewesen ist, bevor er Kommunist und Reichstagsabgeordneter wurde, Albert Kuntz - Arbeiter, politischer Sekretär der Partei in Frankfurt am Main - sie alle, die ich jetzt genannt habe, sind in Tod gegangen als Widerstandskämpfer.

Sie alle haben mit vielen, vielen anderen, die ich jetzt gar nicht nennen kann, der Zeit halber, mit vielen, vielen anderen ihr Leben eingesetzt und geopfert, um uns und unserem Volk ein Überleben zu sichern nach dem Untergang im Faschismus und Krieg. Und wenn ich demgegenüber an die Brutalität, die Bestialität, die Faulheit, die Dummheit, die Korruption dieser SS-Banden denke, die wirklich wie die Raubtiere nur zum Töten und Plündern erzogen waren, und die sich für die Elite des deutschen Volkes hielten, für Herrenmenschen, obwohl sie der Abschaum des Volkes waren, und wenn ich dran denke, daß von diesen Herren die allermeisten ohne jede Strafe davonkamen, wenn ich daran denke, daß zum Beispiel der SS-Stabsscharführer Otto, einer der Mörder Ernst Thälmanns, nach 1945 Religionslehrer wurde, mit dem Segen seines Bischofs, wenn ich daran denke, daß all die, die die Nutznießer dieser Grausamkeiten waren, die Nutznießer der Sklavenarbeit, die wir verrichten mußten, die Herren der IG-Farben und von Siemens und von Krupp und von Flick und von der Deutschen Bank, daß die Millionäre und Milliardäre geworden sind an der Sklavenarbeit, an den Goldzähnen, die sie den Ermordeten haben herrausreißen lassen, an den Frauenhaaren, die sie den Müttern und Mädchen haben abschneiden lassen, die in Auschwitz von ihnen umgebracht wurden. Wenn ich daran denke, dann könnte man manchmal an der Menschheit verzweifeln, wenn man nicht Kommunist wäre.

In dem KZ Buchenwald - also mitten in einem der Zentren des faschistischen Terrors - gab es Widerstand gegen den deutschen Faschismus. Wie sah dieser Widerstand innerhalb des Konzentrationslagers aus?
Es ist richtig, unter all diesen Bedingungen haben wir Widerstand geleistet. Gab es Menschen, die sich nicht erniedrigen ließen, die trotz Hunger und Qualen, und trotz der, wie soll ich sagen, Versprechungen, daß sie es etwas besser haben würden, wenn sie Helfershelfer der SS wären, die trotz allem anständig, sauber, menschlich geblieben sind und noch die Kraft aufbrachten, Widerstand zu leisten und die Selbstbefreiung vorzubereiten. Das galt natürlich in erster Linie für die Kommunisten. Ich sage das, ohne die Partei besonders loben zu wollen - so war es einfach.

Das galt aber auch für unzählige Soldaten und Offiziere der französischen, der belgischen, der holländischen und anderen Armeen, die in Buchenwald eingekerkert waren. Vor allem natürlich für die Rotarmisten, deren Offiziere ja unter falschem Namen ins Lager kamen, weil sie sonst auf Grund des Kommisarbefehls bereits von der Wehrmacht erschossen worden wären. Das galt aber auch für katholische Priester, für Zeugen Jehovas und manche andere, die aus ihrem Glauben heraus die seelische Kraft aufbrachten, sich nicht entmenschlichen zu lassen. Wobei der Unterschied war, daß wir, die Kommunisten, die Soldaten und Offiziere der anderen Armeen, weitere deutsche Antifaschisten aus der SPD und die wenigen, die aus dem Bürgertum da waren, daß wir bereit waren aktiven Widerstand bis zur Selbsbefreiung zu leisten, während die frommen Christen, die frommen Juden, die Zeugen Jehovas passiv im Widerstand waren. Das heißt, sie ließen sich nicht mißbrauchen zur Denunzation und zur Mißhandlung ihrer Mitgefangenen, aber ihre ganze innere Einstellung ermöglichte es ihnen nicht, an kämpferischen, aktiven Widerstand zu denken.

Wir Kommunisten waren schon aus der Zeit der Weimarer Republik her gezwungen, weitgehend illegal zu arbeiten. Denn auch zu der Zeit, als sogenannte Demokraten und Sozialdemokraten regierten, wurden Kommunisten zu Tausenden von Polizei und Reichswehr erschossen. Ermordet zum höherem Segen dessen, was sie Demokratie nannten. Unser Genosse Eugen Leviné, der Führer der bayrischen Räterepublik, hat dem Standgericht der Noske-Soldateska ins Gesicht gesagt: "Wir Kommunisten sind Tote auf Urlaub in diesem Lande!" - sie haben ihn auch an die Wand stellen lassen. Der oberste Befehlshaber in Bayern für Demokratie und Republik war Herr von Epp, der 10 Jahre später, nun nicht mehr für den Sozialdemokraten Noske, sondern für den Nazi Adolf Hitler Reichsstatthalter in Bayern wurde. Dieser Ausspruch von Eugen Leviné "Wir sind Tote auf Urlaub" hat mich jahrzehntelang beeinflußt und ist ja auch der Titel des zweiten Bandes meines Lebenserinnerungen geworden, die sich mit meiner Zeit in Dachau und Buchenwald befassen.

Du bezeichnest deine Zeit in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald auch als deine Schule. Was meinst du damit?
Diese Jahre in den Konzentrationslagern sind im wahrsten Sinne des Wortes meine Schule für's Leben geworden. Dort habe ich nun - nicht mehr theoretisch, sondern in einem Kampf auf Leben und Tod - eingehämmert bekommen, das Disziplin, Solidarität, Standhaftigkeit, Überzeugungstreue, das Wichtigste im Leben sind. Und ich habe dort erlebt, was kollektiver Widerstand bedeutet. Das ist ja nur ein anderes Wort für Solidarität.

Was es bedeutet, wenn Dir, wenn Du körperlich oder seelisch am Ende zu sein glaubst, ein Nachbar zur Seite steht, der Dir einen Rippenstoß gibt, "komm, laß Dich nicht unterkriegen, morgen sieht die Welt wieder anders aus". Ein Kamerad, der für Dich einspringt, wenn Du zusammenbrichst oder zusammenzubrechen drohst. Ein Kamerad auf den Du Dich verlassen kannst und mit dem Du zusammenarbeiten kannst, auch wenn er weiß, daß ihm das das Leben kosten kann.

Am effektivsten war der von den Kommunisten organisierte antifaschistische Widerstand in dem KZ Buchenwald. An der Spitze des organisierten Widerstandes stand das illegale Internationale Lagerkomitee (ILK) und dessen Internationale Militärorganisation (IMO). Auch du gehörtest zur illegalen Widerstandsorganisation. Wie sah dieser Widerstand innerhalb des Konzentrationslagers aus und welche Aufgabe hattest du dabei?
Dieser kollektive Widerstand bedeutete, daß wir versuchten - überall in den KZ's, aber in Buchenwald wohl mit besonderem Erfolg - versuchten, einzelne zuverlässige Kameraden auf Positionen zu schieben, die formell die SS geschaffen hatte, Häftlingsvorarbeiter, Schreibstubenbelegschaft, Sanitäter im Krankenbau, Barackenälteste. Posten, die dazu da sein sollten, die Befehle der SS durchzuführen, und die von zuverlässigen Kameraden und Genossen, das waren ja keineswegs nur Kommunisten, so ausgefüllt werden mußten, daß die SS den Eindruck bekam, "hier geht alles in Ordnung, wie wir es befohlen haben", während unter der Decke das Gegenteil organisiert wurde.

Und es war ein großer Vertrauensbeweis der Genossen, daß sie mich, der ich sehr jung war, der ich aber immerhin schon einige Jahre durchgestanden hatte, im Jahre 1939 zum Blockältesten der Judenbaracke machen ließen, denn ernannt wurde ich ja durch die SS, der mich der Lagerälteste vorgeschlagen hatte.

Was hatte ich nun da für eine Funktion? Zunächst mal mußte alles geschehen, was die SS befohlen hatte. Das heißt Betten bauen, Geschirr sauber halten, pünktlich zum Appell antreten und all dieser Zirkus, der also nun mal zum SS-Lagerleben gehörte. Zweitens dafür zu sorgen, daß die jämmerliche Suppe, die da geliefert wurde, so verteilt worden ist, daß jeder wenigstens seinen Teil bekam und nicht die Stärkeren auf Kosten der Schwächeren sich selbst Vorteile verschafften. Drittens dafür zu sorgen, daß innerhalb der Baracke, die ja überbelegt war - da wo 200 Mann sein sollten, waren 400 auf Block 22 -, daß innerhalb der Baracken keine Streitigkeiten ausbrachen, die zu Kämpfen aller gegen alle hätten führen können. Und dann schließlich dafür zu sorgen, soweit das mit Häftlingsmöglichkeiten ging, daß den Insassen dieses Blocks oder mindestens einen Teil von Ihnen, wenn man nicht allen helfen konnte, einige Verbesserungen zugute kamen.

Zum Beispiel zu helfen, daß jemand der körperlich am Ende war, ein paar Tage in den Krankenbau aufgenommen wurde; zu helfen, daß jemand, der ein besonders schweres Kommando hatte, vielleicht in ein leichteres Kommando versetzt werden konnte; zu helfen, daß aus irgendwelchen SS-Vorräten Lebensmittel gestohlen wurden, die zusätzlich in der Baracke verteilt werden konnten und - und das war das wichtigste auf die Dauer - und unter diesen 400 Insassen von Block 22, die zum größten Teil bürgerliche, völlig unpolitische jüdische Geschäftsleute, Rechtsanwälte, Ärzte, Angestellte waren, unter denen diejenigen zu finden, die bereit waren, an einer illegalen Widerstandsorganisation teilzunehmen bis zum Endziel, bis zum bewaffneten Aufstand.

Das hat schließlich dazu geführt, daß ich in den letzten Tagen noch von der Gestapo auf die Liste der 46 gesetzt wurde, die als angebliche Führer des kommunistischen Widerstands ermordet werden sollten. Das hat meinen beiden Vorgängern als Judenblockälteste, Heinz Eschen in Dachau und Rudi Arndt in Buchenwald, beides Jungkommunisten, das Leben gekostet. Und wenn nicht die Solidarität dafür gesorgt hätte, daß man mich in den letzten 8 Tagen unter den Fußboden einer Baracke versteckt hätte, wäre ich der Dritte in der Reihe gewesen, der die Widerstandsfunktionen mit dem Leben hätte bezahlen müssen.

Aber die Solidarität hat mich gerettet. Andere hielten ihren Kopf für mich hin. Und man muß mal bedenken, Arier haben für einen Juden den Kopf hingehalten unter der Herrschaft der SS. Ich weiß nicht, ob sich jeder vorstellen kann, was das bedeutet. Aber jedenfalls hat das mir für's Leben eingeprägt, was für einen anständigen Menschen notwendig ist und was unzulässig ist.

Wie hast du persönlich den Tag eurer Selbstbefreiung aus dem Konzentrationslager erlebt?
Ich habe ich mit falschem Namen und falscher Häftlingsnummer, als angeblicher Franzose namens Nummer 100soundsovieltausend, den Tag der Selbstbefreiung, des bewaffneten Aufstands erlebt. Sinnbildlich gesprochen, wurde ich schon vom Galgen abgeschnitten am 11. April 1945.

Und es ist wohl verständlich, daß ich diesen Tag und diese Stunden, diese Minuten, als die bewaffneten Häftlingstrupps aus den Baracken hervorbrachen und die Türme, die Wachtürme mit ihren Maschinengewehren und Karabinern stürmten, daß ich die nie vergessen kann und daß mich ein Gefühl von Hohn und Wut und Ekel packt, wenn ein Haufen Kerle, die sich Historiker und Wissenschaftler nennen, daß heute mit allen Mitteln leugnen wollen.

Weil angesichts der Erbärmlichkeit der sogenannten Elite des deutschen Volkes, die alles mitgemacht haben, der Jugend nicht bewußt werden darf, daß es andere Deutsche gab, auch noch dazu Kommunisten, die in dieses Verbrechersystem sich nicht haben einbinden lassen.

Du warst 19 Jahre jung, als du ins Gefängnis kamst und 30 Jahre alt, als du aus dem KZ kamst. Was bedeutete und bedeutet es für dich, einen großen Teil deiner Jugend in Gefängnissen und Konzentrationslagern verbracht zu haben? War und ist es nach diesen Erlebnissen für dich überhaupt noch möglich, ein "normales" Leben zu führen?
Ich habe 11 Jahre in Gefängnissen und KZ's verbracht. Natürlichist das der größte Teil meiner bewußten Jugend, und trotzdem muß ich sagen, ich denke nicht mit Bedauern oder gar mit Reue daran zurück, daß ich, wie man so schön sagt, 11 Jahre verloren hätte.

Ich habe sie nicht verloren. Wenn ich als Rechtsanwalt oder Bankangestellter oder Geschäftsmannn diese 11 Jahre in einem normalen Lande hätte verleben müssen, können, dürfen, wie man will, wären sie nicht genauso mit Positivem und Negativem versehen? Für mich ist bei allem Schlimmen aus diesen 11 Jahren das Erlebnis unbesiegbarer Solidarität das Entscheidene gewesen und geblieben. Und auch, wenn der ein oder andere das für undenkbar halten mag: In dem Moment, wo wir den Stacheldraht und die Wachtürme gestürmt hatten, habe ich nur noch einen Gedanken gehabt, nach Hause und das neue Deutschland aufbauen helfen, für das ich gekämpft hatte in meinen Jahren, seit ich ein bewußter Mensch geworden bin.

Wir haben das Lied gesungen, "Oh Buchenwald, ich kann Dich nicht vergessen, weil Du mein Schicksal bist". Das habe ich in den Jahren 45/46 kaum für besonders wesentlich gehalten. Erst als der Kalte Krieg begann, als das Gesindel, das die KZ's eingerichtet hatte, nunmehr im demokratischen Mäntelchen wieder sich betätigte, bis zum heutigen Tage, wo die Herren Besatzungskommisare aus Westdeutschland die Gedänkstätten des Widerstands wie Buchenwald liquidieren möchten, erst heute wird mir bewußt, wie sehr Buchenwald tatsächlich über 50 Jahre weg mein Schicksal geworden und geblieben ist.

Das ist der Grund, warum ich nicht nur, wie seit 60 Jahren, in der Kommunistischen Partei aktiv bin, sondern warum ich mit zum Begründer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, VVN/Bund der Antifaschisten wurde, das ist mit der Grund, warum ich der Sprecher der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora und Kommandos in der Bundesrepublik bin, das ist der Grund, daß der Schwur von Buchenwald, den wir am 19. April 1945 geleistet haben, den Nazismus auszurotten mit seinen Wurzeln und eine Welt des Friedens und der Freiheit zu errichten, daß dieser Schwur bis heute für mich Gültigkeit hat und daß ich versuche mit meinen Mitteln das in deutsche Realität umzusetzen.

Das habe ich getan als Mitautor der Landesverfasssung des Landes Hessen, das habe ich getan als Landtagsabgeordneter der KPD, das habe ich getan als Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, das habe ich getan als Redakteur und Journalist von Widerstandszeitungen und kommunistischen Parteizeitungen, das tue ich bis heute, wo ich längst offiziell im Ruhestand bin, das tue ich bis heute als Buchautor, Journalist und Publizist. Deswegen habe ich meine Bücher geschrieben, deswegen habe ich meine Erlebnisse zu Papier gebracht. Natürlich kann das Papier nicht das ersetzen, was die lebendige Realität geleistet hat und leistet. Aber ich merke doch, wenn ich mit Lesungen aus meinem Buch "Tote auf Urlaub" durch Deutschland reise, daß ältere Menschen sich in ihrem Willen, den Gefahren zu widerstehen, bestärkt sehen und das junge Menschen hoffen, darin ein Vorbild für ihren Kampf für ein besseres Deutschland zu finden.

Am 9. April 1995 begingen auf dem Gelände des ehemaligen KZ Buchenwald über 1.000 ehemalige Häftlinge aus den verschiedensten Ländern zusammen mit über 10.000 Menschen den 50. Jahrestag der Selbstbefreiung. Ich war einer von diesen vielen Menschen und ich war tief beeindruckt. Was hast du an diesem 50. Jahrestag eurer Selbstbefreiung gefühlt und wie bewertest du ihn?
Es war für mich ein großes Erlebnis, als am 9. April 1995, zum 50. Jahrestag unserer Selbstbefreiung, Tausend und Abertausende vor allem junger Menschen nach Buchenwald kamen, um ihre Solidarität mit dem Antifaschismus gegen jene zu demonstrieren, die das leugnen möchten und die den Antifaschismus als eine Gefahr für sich sehen.

Womit sie Recht haben, denn der Antifaschismus ist eine Gefahr für alle, die Krieg vorbereiten, für alle, die die Nutznießer von Auschwitz und Buchenwald beschützen - politisch und militärisch und polizeilich beschützen.

Zu erleben, daß nunmehr unter der erneuten Herrschaft der IG-Farben und der Deutschen Bank und Mercedes Benz usw. wieder Tausende und Abertausende nach Buchenwald kamen, so wie es zur Zeit der Deutschen Demokratischen Republik mit Unterstützung der damaligen DDR-Regierung möglich war, das war für mich ein großes Erlebnis und gibt mir die Hoffnung, daß, auch wenn der Wind uns gegenwärtig ins Gesicht bläst, daß unser Kampf nicht vergeblich ist.

Die ehemaligen deutschen Häftlinge des KZ Buchenwald sind in der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora organisiert. Du bist der Vorsitzende dieser Organisation und auch der 1. Vizepräsident des Internationalen Buchenwald-Komitees. Was ist Sinn und Zweck dieser Lagergemeinschaft? Wer unterstützt in der BRD die Arbeit und die Ziele der Lagergemeinschaft?
Wir haben keine Staatsgewalt, wir haben keine Millionäre hinter uns, das Internationale Buchenwaldkomitee und entsprechend die Lagergemeinschaft in Deutschland. Wir bemühen uns, den Geist des Schwurs von Buchenwald unter die Menschen zu bringen. Beuge Deinen Nacken nicht, kapituliere nicht vor dem Bösen, hilf nicht mit, den Massenmord in Form von Krieg, von Gewalt erneut zu organisieren oder durchzuführen, verbreite die Haltung der Solidarität, der Menschlichkeit, des Kampfes um Menschenrechte - nicht um Bankkonten - um Menschenrechte zu verbreitern.

Das ist schwer, es hat viele Rückschläge gegeben, vor allem nach der Annexion der DDR. Aber wir haben nicht aufgegeben und wir geben nicht auf. Und es ist ja bezeichnend, mit welchem Haß, mit welchen Verleumdungen - schamlosen Verleumdungen, die neuen Herren versuchen, die Gedenkstätten des antifaschistischen Widerstands, wie Buchenwald, Sachsenhausen, Ravensbrück usw. entweder zu vernichten oder in, wie soll ich sagen, Heldenfriedhöfe für die Nazis umzuwandeln, die nach 1945 dort interniert worden sind.

Es ist ein bitterer Kampf, ein bitterer Kampf, weil man mit so viel Dreck, mit so viel Gesinnungslumperei sich auseinandersetzen muß und nicht etwa mit Argumenten. Es ist ja selbstverständlich in diesem Lande Deutschland, daß das, was die ehemaligen KZ'ler zu sagen haben, in keiner Zeitung gedruckt wird. Wohl aber jede Verleumdung, die irgendein sogenannter Experte und Wissenschaftler sich aus den Fingern saugt.

Dieser Kampf ist nicht nur schwer, sondern ist ekelhaft, und er greift an die Nerven. Aber wir müssen ihn durchstehen, wir haben uns ja nunmahl dieses Land ausgesucht als unser Heimatland. Und bis jetzt haben wir, jedenfalls für Buchenwald, mit Hilfe der internationalen Solidarität das Schlimmste verhindern können. Wir haben gegen die Pläne der Herrschaften, die ehemaligen Buchenwalder, nicht nur in Deutschland, Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Norwegen, sogar noch in Israel, USA, Kanada, Australien, Neuseland mobilisiert, und die Herren können ja nicht öffentlich die Reichskriegsflage der Nazis über Buchenwald aufziehen, sie müssen ja mindestens dem Ausland gegenüber so tun, als ob sie etwas mit dem antifaschistischen Widerstand zu tun hätten. Und das gibt uns dann einige Anhaltspunkte, wie gesagt, um das Schlimmste zu verhindern.

50 Jahre nach dem 8. Mai 1945 - dem Tag der Befreiung Europas vom deutschen Faschismus - wurde nochmals aller Opfer - auch der vermeintlichen - gedacht, um dann Endgültig und in alle Ewigkeit einen Schlußstrich unter die deutsche Vergangenheit, sprich den deutschen Faschismus zu ziehen. Wie siehst und bewertest du den 8. Mai 1995?
Einige Kollegen des heutigen Direktors von Buchenwald, die von der Regierung eingesetzten Leute in den Gedenkstätten Ravensbrück und Sachenhausen haben ja öffentlich erklärt, daß die Feiern zum 8.Mai, die die Regierungen in Deutschland durchgeführt haben oder an denen sie teilgenommen haben, ein Alibi sein sollen - dem Ausland gegenüber. Und daß mit der Abreise der ausländischen Journalisten nach dem 8.Mai die Geschichte endgültig erledigt sein sollte.

Das war ein offenes Wort, ein sehr deutliches, entlarvendes Wort, aber das wird nicht damit zu Ende sein. Denn wenn man auch bei den Herrschenden in Deutschland die Nutznießer des Naziregimes für die wahren Deutschen hält, es gibt noch genügend Menschen in der Welt, die wissen, was diese tausend Jahre bedeutet haben und was es bedeuten würde, wenn sie noch einmal kämen.

In der BRD tritt heute mehr denn je der Antisemitismus und Rassismus offen zu Tage. Abgesehen davon ist der Rechtsextremismus eine nicht zu unterschätzende Kraft in der BRD geworden, und die Rechtsentwicklung der gesamten BRD geht in großen Schritten voran. Wie beurteilst du diese Entwicklung, und mit welchen Gefühlen betrachtest du sie?
Die Gefahr sehe ich nicht so sehr bei den Skinheads oder irgendwelchen anderen faschistischen Rowdies und Totschlägern. Die Gefahr sehe ich darin, daß die Herrschaften, die sich konservative Demokraten nennen, wieder die Helfershelfer des Faschismus und des Militarismus sind, wie 1933 und vorher und nachher.

Man darf ja nicht vergessen, der christlich-demokratische Reichskanzler Franz von Papen wurde dann Vizekanzler des Herrn Hitler, der christlich-demokratische Justizminister Gürtler wurde dann Justizminister von Hitler, der demokratische Außenminister der Weimarer Republik, Herr von Neurath, wurde dann Außenminister von Hitler.

Die Leute, die heute am rechten Flügel der CDU stehen, wie Lummer und Dregger und Kanther und Schäuble und so weiter, die haben eine verdammt ähnliche Haltung mit ihren Vorgängern aus den Jahren zwischen 1928 und 1945. Und dort sehe ich eine große Gefahr, und dort sehe ich in der Aufklärung über diese Gefahr und über die Verhinderung des Abmarsch nach Rechts unsere Aufgabe.

Denn wenn die Dinge so weiter gehen mit Aufrüstung, Atombombe, Umweltzerstörung, dann besteht wirklich die reale Gefahr, die Bert Brecht in den wenigen Zeilen zusammengefaßt hat: "Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten Kriege war es noch mächtig. Nach dem zweiten Kriege war es noch auffindbar. Nach dem dritten Kriege war es nicht mehr vorhanden."

Lieber Emil, ich bedanke mich ganz herzlich für dieses sehr persönliche und sehr ausführliche Interview. Ich wünsche dir alles Gute und noch ganz viele Jahre bei bester Gesundheit!
Das Interview mit Emil Carlebach führte Christoph Leclaire im August 1995.


http://www.dkp-hessen.de/
• Autor: DKP Hessen •



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