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Groß Gerau



Wilhelm Hammann

Kommunist im US-Internierungslager
Bild von Wilhelm Hammann

Der Lehrer Wilhelm Hammann, geboren am 25. Februar 1897, war Kommunist und ein weitbekannter hessischer Landtagsabgeordneter vor 1933. Im April 1933 wurde er von den Nazis verhaftet kam ins Zuchthaus Rockenberg und wurde dann am 27. August 1938 ins Konzentrationslager Buchenwald eingeliefert. Er bekam die Häftlings-Nr. 1224. In Buchenwald war er Blockältester im Kinderblock 8 und rettete 159 jüdischen Kindern das Leben. Am 11. April 1945 konnte er "seine" Kinder in die Freiheit führen.

Im Juli 1945 wählte ihn eine Versammlung von Bürgermeistern, fast ausschließlich Sozialdemokraten, zum ersten Landrat des Kreises Groß-Gerau in Südhessen. Am 17. Oktober 1945 erhielt er seine Ernennungsurkunde.

Der Kommunist Wilhelm Hammann war wegen seiner Konsequenz und seiner Beliebtheit der US-Militärregierung bald ein Dorn im Auge. Denn mittlerweile hatte sich weltpolitisch eine Wende vollzogen.

Die USA, die gemeinsam mit der Sowjetunion in der Anti-Hitler-Koalition den deutschen Faschismus niedergerungen hatten, traten zunehmend gegen ihren vormaligen Bundesgenossen auf. Der britische Premierminister Churchill kommentierte das Ergebnis des zweiten Weltkrieges mit den Worten: "Wir haben das falsche Schwein geschlachtet." Der kalte Krieg gegen die Sowjetunion begann. Gestützt auf ihr zeitweiliges Atombomben-Monopql versuchten die USA, den Sozialismus "zurückzurollen".

Als Bundesgenossen suchten sie sich schon bald diejenigen, die schon "Osterfahrung" hatten: die deutschen Nazis. Der Leiter der Abteilung "Fremde Heere Ost" im faschistischen Geheimdienst, General Gehlen, trat genauso in die Dienste der Amerikaner wie Wernher von Braun, der Leiter der V-Waffen-Produktion im KZ Dora-Mittelbau und viele andere mehr.

Das entstehende Klima des Kalten Krieges duldete keine Kommunisten und Antifaschisten im öffentlichen Dienst.

Eines der ersten Opfer der Kommunistenjäger wurde der Landrat Hammann.

Auslöser war vermutlich die Tatsache, daß er gegen einen US-Offizier vorging, der für das Krankenhaus bestimmte Lebensmittel für den eigenen Gebrauch beschlagnahmte. Es liegt auch der Verdacht nahe, daß seine öffentliche Forderung an die Militärregierung, die Nazis aus der Opel-Betriebsleitung zu entfernen, Grund für seine Verhaftung war.

Der ehemalige Opel-Betriebsrat und KPD-Kreistagsabgeordnete Fritz Zängerle erinnert sich:
"Eines Tages, wenn ich mich recht erinnere, war es kurz nach der ersten Betriebsratswahl bei Opel, erhielt ich eine Ladung zur Militärregierung nach Groß-Gerau. Ich meldete mich dort bei dem für den Kreis Groß-Gerau zuständigen Offizier Wanner, der leicht angetrunken mit einer Flasche Schnaps an einem Tisch saß. Er lud mich zum Mittrinken ein, und ich machte gute Miene zum bösen Spiel, das dann gleich mit dem Vorwurf begann, die Kommunisten würden ihre Betriebsratsfunktion für Untergrundarbeit mißbrauchen. Als ich diese Unterstellung zurückwies und der Militärregierung vorwarf, im Kreis Groß-Gerau keine Gewerkschaften zuzulassen, was rundum schon geschehen sei, wurde er sehr wütend.

Ich konnte von Glück reden, daß der frühere mir bekannte Opeler Massoth aus Erfelden aufkreuzte, der nun im Landratsamt beschäftigt war und Wanner beruhigte. Er sagte zu mir, als Wanner kurz aus dem Büro gegangen war: 'Sei vorsichtig. Laß mich nur machen!' Dann kam Wanner wieder zurück und sagte:
'Wir werden Euch schon erwischen, dann rechnen wir mit Euch ab. Ich versicherte ihm, daß wir Hoffnung auf Zulassung verschiedener demokratischer Parteien hätten und die Kommunisten illegalen Methoden nicht mehr nötig hätten. Da fing er plötzlich an zu toben und sagte:
'Euren Hammann den hole ich mir auch noch in den nächsten Tagen. Dem werden wir es beibringen, wenn er glaubt, sich an höchster Stelle beschweren zu müssen. Der Beschwerdeweg fängt unten an und geht jeweils an die nächsthöhere Stelle weiter. Der wird das noch bereuen. Wie ist Ihre Meinung? Ist das nicht so?'

Ich sagte ihm, daß das beim deutschen Barras so war, aber ich könne eine Angelegenheit, die ich nicht kenne, nicht beurteilen. Zwischendurch hatte er ständig versucht, mir Schnaps einzuschütten. Deshalb erschien es mir ratsam, den Rückzug anzutreten, indem ich ihm sagte, daß viel Arbeit auf mich warte und er könne sich jederzeit über die völlig legale Tätigkeit des Opel-Betriebsrates unterrichten. Da ließ er mich gehen, nicht ohne ständig zu wiederholen, daß er es dem Hammann zeigen werde."

Auf Veranlassung dieses Offiziers wurde Hammann verhaftet, aber im Februar 1946 von einem amerikanischen Militärgericht freigesprochen.

Inzwischen war die Landratsstelle mit einem Sozialdemokraten besetzt. Dieser neue Landrat setzte den US-Militärbehörden keinen Widerstand entgegen. Der geplante offizielle Protest der Opel-Arbeiter gegen Hammanns Verhaftung war von den Amerikanern rigoros verhindert worden. Das Betriebsratsbüro wurde versiegelt "um Untergrundarbeit zu verhindern", wie es offiziell hieß.

Freigesprochen, forderte Hammann erneut, die Nazis aus den führenden Positionen bei Opel-Rüsselsheim zu entfernen. Er war sich darüber im klaren, was er damit riskierte. Die US-Militärbehörden holten auch prompt zum zweiten Schlag aus. Am 22. März 1946 holte ihn die Militärpolizei erneut ab.

Nicht der Schatten eines Beweises

Nicht die Nazi-Direktoren von Opel kamen also hinter Schloß und Riegel, sondern der Antifaschist und Landrat Hammann. Er wurde in das US-Internierungslager in Darmstadt eingeliefert. Am 8. Mai 1946 schrieb er an seine Genossen:
"Bis heute ist mir über die Gründe meiner Internierung nur das bekannt geworden, was mir meine Frau in Briefen an mich mitteilte. Da ich der Auffassung bin, daß es sich um eine Anschuldigung gegen mich handelt, für die auch nicht der Schatten eines Beweises erbracht werden kann, bitte ich euch, vor einem ordentlichen deutschen Gericht durch einen geeigneten Rechtsanwalt ein Strafverfahren gegen den oder die Verleumder zu beantragen."

Bis im Mai 1947 blieb er in Haft - ohne Haftprüfungstermin. Akten waren keine aufzufinden. Er mußte nun das Bitterste seines Lebens mitmachen. Ihn, den Antifaschisten, sperrte man zusammen mit seinen größten Feinden, den Faschisten, zuerst im Lager Darmstadt, dann in Kornwestheim, ein.

Als er den Grund seiner Verhaftung erfuhr, war er tief erschüttert: Er wurde beschuldigt, in Buchenwald Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben!

Schlimmer als Buchenwald

Die VVN (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) wies sofort die Haltlosigkeit der Anschuldigungen nach. Sie schrieb in einem Brief an die amerikanische Militärbehörde:
"Als weitere Tatsache für das einwandfreie Verhalten Hammanns kann angeführt werden, daß Hammann noch nach der Befreiung bei seinen Jungs im Block weiter verblieb. Es wäre ein leichtes gewesen, Hammann von seiten der Russen zur Rechtfertigung zu ziehen - kein Russe, oder ein Angehöriger sonstiger Nationen, kam auf den Gedanken es zu tun, weil in keiner Beziehung gegen Hammann etwas vorlag."

In der Tat sprach die sowjetische Militärbehörde Wilhelm Hammann ihre Anerkennung und ihren Dank aus, weil er im Block 8 vor allem sowjetische Häftlinge im Jugendalter betreut hatte.

Ohne auf die Proteste aus ganz Europa zu achten, wurde Wilhelm Hammann aber nach Dachau gebracht. Dieses ehemalige Nazi-Konzentrationslager war jetzt ein amerikanisches Internierungslager, vielleicht sollte man auch Sonderlager sagen. Hier warteten die faschistischen Mörder aus Buchenwald auf ihre Aburteilung.

Unter solchen Verbrechern wurde der Antifaschist Wilhelm Hammann monatelang gefangen gehalten und er schrieb in einem Brief: "Diese Zeit war schlimmer für mich als die vielen Jahre in Buchenwald."

Der Journalist Emil Carlebach, Mitbegründer der Frankfurter Rundschau und ehemaliger Buchenwaldhäftling Nr. 4186, erinnert sich:
"Wilhelm Hammann 'verschwand'. Ja, er verschwand, ohne Verfahren und ohne daß wir wußten, wo er war. (So wie es heute in manchen Staaten Südamerikas ist.)

Nach langer Zeit meldete sich auf dem KPD-Büro in Frankfurt ein Mann, den die Amerikaner gerade aus ihrem Internierungslager Dachau entlassen hatten. Er teilte uns mit: Wilhelm ist in Dachau gefangen, in dem und dem Block, in der und der Stube, ohne Anwalt, ohne Möglichkeit, sich mit irgendjemand in Verbindung zu setzen, ohne Möglichkeit, das Unrecht seiner Haft zu beweisen.

Wir machten mobil. Dr. Werner Hilpert (stellvertretender Ministerpräsident von Hessen, CDU, ehemals Buchenwald-Häftling wie wir), Oskar Müller (Arbeitsminister, KPD, ehemals Häftling in Dachau) ich selbst, als Herausgeber und Chefredakteur der 'Frankfurter Rundschau '. Wir fuhren nach Dachau, verlangten einen Offizier zu sprechen. Der leugnete alles:
'Hammann? Nie gehört Es gibt keinen Häftling Hammann hier.'

Wir ließen uns nicht für dumm verkaufen. Wir sagten ihm auf den Kopf zu: 'Hammann ist hier! Wir sagen Ihnen sogar auf welchem Block, in welcher Stube er gefangen gehalten wird!'

Nun schaltete der Ami um: 'Sie haben recht, es stimmt. Aber ich sage Ihnen eines: lassen Sie die Unterlagen, die Sie zum Beweis der Unschuld Ihres Freundes mitgebracht haben nicht hier - die würden hier verschwinden. Lassen Sie von diesen Papieren beglaubigte Kopien anfertigen, die Sie mir dann bringen. Die Originale behalten Sie selbst.'

Das taten wir. Es dauerte noch Wochen, bis Wilhelm frei kam. Hilpert als stellvertretender Ministerpräsident und CDU-Landesvorsitzender bürgte für ihn gegenüber den Amerikanern, daß Wilhelm nicht flüchten werde, bis die Anschuldigungen hinfällig wären. (Man vergleiche damit die miese Haltung der heutigen CDU.) So kam Wilhelm endlich nach Hause zu seiner Frau, die weit mehr als ein Jahrzehnt um ihn hatte zittern müssen, weil ihn erst die Nazis und dann die Amis unschuldig eingesperrt hatten. Er wurde rehabilitiert - aber als Landrat nicht wieder eingesetzt; soviel hatte der CIC erreicht."

Trotz der eindeutigen Beweise für seine Unschuld bedurfte es des eindringlichen Protestes vieler Antifaschisten aus vielen europäischen Ländern, die als Zeugen zum Buchenwald-Prozeß nach Dachau gekommen waren, um Wilhelm Hammann zu rehabilitieren. Die Anklagebehörde bescheinigte ihm plötzlich seine "vollkommene antifaschistische Einstellung und seine Unbescholtenheit". Dazu hatte es vierzehn Monate gebraucht.

Wilhelm Hammann brauchte lange, bis er wieder der alte Kämpfer war. Als Kreissekretär der KPD im Kreis Groß-Gerau war er dann unermüdlich für seine gerechte Sache unterwegs - bis zu seinem tragischen Unfalltod am 25. Juli 1955.

Im März 1984 wurde Wilhelm Hammann in Israel für die Rettung der jüdischen Kinder in Buchenwald hoch geehrt. In der "Allee der Gerechten" von Yad Vashem trägt jeder Baum den Namen eines Menschen, der mithalf, Juden vor der Vernichtung zu bewahren. "Gerechter unter den Völkern" lautet der Ehrentitel der hier Verewigten. Es ist die höchste Auszeichnung, die Israel zu vergeben hat.

Einer der jüngsten Bäume trägt den Namen des in Biebesheim geborenen Lehrers, Kommunisten und Widerstandskämpfers, des ersten Landrates im Kreis Groß-Gerau nach dem 2. Weltkrieg, Wilhelm Hammann.


http://www.dkp-hessen.de/
• Autor: DKP Hessen •



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