Logo DKP Adresse der DKP Hessen als Bild mit Link zur Email-Adresse
Suche auf DKP-Hessen
durchgeführt von FreeFind
HomepageLinksFundusForumPersönlichkeitenVeranstaltungenBücher
Thema:
Hesseninfo

Kleinzeitungen:
Mörfelden-Walldorf
Gießen
Reinheim
Kreis Darmstadt
Marburger Echo
Taunus Echo
Wiesbaden
Archiv

DKP vor Ort:
Darmstadt-Dieburg
Frankfurt
Fulda-Vogelsberg
Gießen
Nordhessen
Hochtaunus
Wiesbaden
Kassel
Lahn-Dill
Marburg
Offenbach
Main-Kinzig/Hanau
Main-Taunus
Groß Gerau



Warum sind Kriege da?

An der Gewohnheit oder der Erziehung jedenfalls kann es offenbar nicht liegen, daß Deutschland wieder Krieg gegen ein kleines Land führt. Denn diejenigen - Schröder, Fischer, Scharping, Trittin - , die letztlich verantwortlich sind für die Einsatzbefehle, aufgrund derer die deutschen Bomberpiloten Krankenhäuser, Schulen und Altenheime auf dem Balkan ins Visier nehmen, sind aufgewachsen im Frieden. Sie haben das Zuckerstückchen der deutschen Geschichte erwischt: 50 Jahre lang herrschte Frieden im Land.

Bis zum Ende der 80er Jahre war es offizielle westdeutsche Politik, daß von deutschem Boden kein Krieg mehr ausgehen dürfe - unterzeichnet von Kanzler Kohl in diversen gemeinsamen Erklärungen und Verträgen mit den Vertretern der DDR. Die Bundeswehr, so wurde verkündet, sei eine Armee, deren Lebenssinn darin bestehe, niemals eingesetzt zu werden. Sie diene nur zur Abschreckung gegenüber den angeblich hoch aufgerüsteten Armeen der sozialistischen Länder, vor allem der Roten Armee der Sowjetunion. Viele glaubten das - auch viele Linke.

Denn als die DDR, die anderen damals sozialistischen Staaten Osteuropas und schließlich auch die Sowjetunion verschwanden, schlußfolgerten gerade Pazifisten und andere, nun sei doch die Zeit der "Friedensdividende" gekommen; nun da die Bedrohung aus dem Osten weg sei, wäre doch der letzte Grund für eine deutsche Armee entfallen.

Für heutige StudentInnen ist dieser heutige Friedenstaumel Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre emotional schwer nachzuvollziehen - aber er ist durch Lektüre der Zeitungen der damaligen Jahre leicht zu erschließen. Diese Friedenshoffnung erfaßte weite Teile der SPD und der GRÜNEN, also der jetzigen Kriegsparteien und auch weite Teile der PDS.

Manchmal schon an sich selbst ob ihrer Sturheit zweifelnd hielten nachweisbar nur die übriggeblieben Kommunistinnen und Kommunisten gegen diese Stimmung der allgemeinen Friedenshoffnung dagegen.

Sie hatten auch den Mut, zu prognostizieren, daß es wieder Kriege geben würde. So erschien - als eines von vielen Beispielen - am 20. September 1991 in der von der DKP herausgegebenen Wochenzeitung "unsere zeit" ein Artikel mit der Überschrift "Neue Weltordnung. Prognosen," in dem es hieß: "Dieser September 1991 ist seit dem Oktober 1917 der erste Monat, in dem Europa völlig frei ist. Vom Atlantik bis zum Ural, vom Nordkap bis Sizilien gibt es keine Regierung mehr unter Beteiligung einer Partei, die sich kommunistisch nennt. Der Kontinent ist von ihnen befreit, die Revolution von 1917 annulliert. Der große Koalition der Antikommunisten von Kohl bis Fischer, von Thatcher bis Jelzin hat gesiegt - auch durch die Fehler und die Überheblichkeit der Kommunisten. Die jetzt Geschlagenen werden nicht wundenleckend am Rande des Geschehens stehen, sie werden im Rahmen ihrer Kräfte weiter eingreifen. Illusionen machen sie sich keine. Kommunistinnen und Kommunisten werden den Gang der Geschichte in Europa für einige Jahre nicht wesentlich mit beeinflussen. Das läßt einige Grundfragen klarer werden. Wir sagen: Der Kapitalismus ist - egal in welchem Gewand - nicht friedensfähig. Wir wagen hier und heute die ehrliche, aber schlimme Prognose: Mit dem Fall der kommunistisch regierten Länder wächst die Kriegsgefahr für die gesamte Menschheit. Auch die Gegenseite, die der siegestrunken feiernden Antikommunisten, hat ihre Prognose in dieser Hauptfrage. Am 26. August gibt ein Herr von Loewenstein auf Seite eins der "Welt" diese Prognose für die Gestaltung der Zukunft in der von kommunistischen Regierungen freien Welt ab: "Jetzt endlich zeichnet sich die zukünftige neue Weltordnung, der Weltfriede, eindeutig ab, nun, da die UdSSR nicht mehr unter dem Druck der Welterorberer-Ideologie steht...." Wir nehmen diesen Satz auf Wiedervorlage. Halten wir aber fest, was wohl unbestreitbar ist: Die Zeit von 1945 bis 1990, in der Kommunisten die Regierungen in halb Europa stellten, war eine bisher für unseren Kontinent unbekannte Zeit von 45 Jahren Frieden. Für die nächsten 45 Jahre gibt es zwei Prognosen. Die der Sieger von heute, die da lautet: Die Kommunisten sind weg, der Frieden kommt. Und unsere Prognose: Die Kommunisten sind schwächer, der Frieden ist unsicherer."

Nun ist heute unbestreitbar: Die große "Welt" hatte unrecht, die kleine "uz" recht. Warum? Platt gesagt, weil die einen Lenin gelesen und verstanden hatten und die anderen nicht.

Der Kern der lenin'schen Analyse

Es ist hier nicht der Platz für eine ausführliche Referierung der lenin'schen Imperialismusanalyse. Es ist hier nur der Platz für einen Appetitanreger. Wer heute den Krieg im Kosovo verstehen will, kommt um ein Studium der kleinen Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" nicht herum. Das folgende soll also nichts weiter als ein bewußt vereinfachender, aktualisierter Aufriß dieser Analyse sein, der eine Lektüre dieser Lenin'schen Broschüre nicht ersetzen kann.

Wie alles wirklich Kluge ist auch der lenin'sche Gedankengang nicht allzu kompliziert. Er baut auf den Einsichten von Marx und Engels über die Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft auf, wendet sie auf seine Zeit an und kommt daraufhin zu dem Schluß, daß diese Gesellschaften in dem Stadium, in dem sie sich jetzt befinden, aus ihrer inneren Struktur heraus unvermeidlich zum Kriege drängen.

Warum ist das so? Der Motor der kapitalistischen Produktion, das hatten Marx und Engels herausgefunden, ist die Profitmacherei. Die hat nichts mit Geldgier oder bösem Willen der Kapitalisten zu tun. Aber wer eine bestimmte Profitrate nicht erwirtschaftet, der wird vom Markt gedrängt. Die Peitsche treibt die Besitzer der Fabriken - ob groß oder klein, ob Einzelunternehmer oder Genossenschaft - unentwegt zur Profitmaximierung. Diese Jagd wird noch dadurch angeheizt, daß die Kosten der eingesetzten Mittel je produzierter Ware am geringsten sind, wenn von einem Gut möglichst viele Einzelstücke - also z.B. Autos - produziert werden. Dadurch gehen - abgesehen von Nischen der Produktion - die kleineren Fabriken regelmäßig pleite und werden von den größeren geschluckt. Aus dem Profitprinzip resultiert also unabwendbar eine Tendenz zur Konzentration und zu immer größeren Unternehmen.

Konzentration: von der Konkurrenz zum Monopol

Dieser Konzentrationsprozeß spielt sich zunächst auf regionaler Ebene ab: Aus dutzenden oder gar hunderten kleinerer Handwerkerbetriebe kristallisieren sich in England, später auch in Frankreich, Deutschland und den anderen späteren kapitalistischen Hochburgen solche Firmen wie Krupp, Siemens und andere heraus. Aus den vorher regionalen Märkten entstehen nationale Märkte. Der Prozeß führt zur Bildung der bürgerlichen Nationalstaaten, wie wir sie heute noch kennen, beseitigt zum Beispiel innerhalb von Deutschland Zollschranken, erzwingt in den 70er Jahren des letzten Jahrhundert die Einheitswährung - nicht die europäische, sondern die deutsche, die Reichsmark.

Warum aber heben diese Entwicklungen dann nicht auf friedliche Weise auch die nationalen Grenzen auf, nachdem sie doch die regionalen beseitigt haben? Bevor wir zur Beantwortung dieser Frage kommen, müssen wir allerdings vor der Illusion warnen, der Kapitalismus wäre friedlich, quasi mit dem pfeifeschmauchenden Gesicht eines Kaufmanns aus dem "Buddenbrook" zur Welt gekommen. Nein, die ganze Geschichte beispielsweise der Herausbildung des englischen Marktes ist eine Geschichte von Blut und Tränen, von brutaler Zertrümmerung gewachsener Strukturen und jahrhundertelanger Traditionen.

Aber mit der Herausbildung der nationalen Märkte geschieht etwas, das tatsächlich eine neue Qualität der Kriegsgefahr hervorbringt. Zum einen erreichen die großen Unternehmen sowohl in Deutschland als auch in Frankreich als auch in England Größenordnungen, in denen sie die von ihnen produzierten Warenberge auf ihren eigenen Märkten nicht mehr absetzen können. Sie halten also unentwegt nach neuen Märkten Ausschau. Das ist die Triebfeder für den Kolonialismus, dessen Geburtsstunde eben zusammenfällt mit der Ausreifung der kapitalistischen Gesellschaft. Forciert wird dies noch dadurch, daß die Ausplünderung überseeischer Rohstoffe und Arbeitskräfte zu einem der billigsten Mittel zur Erhöhung des Profits wird. Zweitens aber - und das ist ebenso wesentlich - sind neue Investitionen inzwischen so aufwendig, daß sie entweder aus der Kraft der einzelnen Unternehmen nicht mehr getätigt werden können oder aber bei Nichteintreffen des geplanten Effekts selbst große Unternehmen in den Abgrund reißen. Daher schließen sich die größten der nationalen Unternehmen zu Trusts oder Konzernen zusammen und greifen zweitens auf den Staat als Finanzier oder wenigstens Finanzgarant ihrer Investitionen zurück. Damit aber werden die nationalen Grenzen nicht mehr aufgeweicht, sondern im Gegenteil zementiert, denn die entsprechenden Staaten haben jetzt ein nationales Interesse daran, daß die bei "ihrem" Konzern eingesetzten Mittel sich rentieren.

Auf diese Weise entwickeln sich die Unternehmen zu Unternehmenszusammenballungen, die neben die weiter bestehende Konkurrenz die Preisabsprache und Marktaufteilung stellen, also den Markt verwalten wie es ein Monopolist tun würde. Auch wenn es mehr als einer, vielleicht eine Handvoll solcher Unternehmen sind, nennt Lenin sie daher zu recht "Monopole". Und diese Monopole verbinden sich ökonomisch unauflöslich mit dem Staat. Das Ergebnis dieser nüchternen Bestandsaufnahme ist die Bezeichnung "Staatsmonpolistischer Kapitalismus" (Stamokap), der nach wie vor ein Zentralbegriff des wissenschaftlichen Sozialismus ist.

Vom Monopol zum Krieg

Getrieben von diesen Stacheln - deren tiefster das Profitprinzip ist - jagen so die Monopole mit Unterstützung ihrer Staaten über die Erdkugel, nisten sich überall ein, versuchen sich selbst auszubooten in ihrer grenzenlosen Jagd nach Rohstoffen, Menschen, die billig für sie schuften einerseits und Absatzmärkten für ihre Produkte andererseits. Da die Welt aber endlich ist, verschwinden im Laufe des 19. Jahrhunderts die weißen Flecken auf dem Globus immer mehr. Daher ist für solche marxistisch geschulten Theoretiker wie Lenin oder Luxemburg seit ungefähr 1900 absehbar, daß die Menschheit, wenn sie sich diese Gesetzmäßigkeiten nicht vom Halse schafft, unabwendbar auf eine "Periode der Weltkriege" zusteuert, wie Rosa Luxemburg 1915 in der Haft notiert - nicht also eines einzigen Weltkrieges, sondern der Periode der Weltkriege.

Denn es ist unvermeidlich, daß irgendwann die Interessengebiete der Erde zwischen den damals acht großen imperialistischen Ländern aufgeteilt sind. Aber der Druck der kapitalistischen Produktionsweise vermindert sich ja nicht: das Profitzprinzip gilt, das Gesetz der großen Zahl für die Verringerung der Produktionskosten gilt, die Notwendigkeit großer Absatzmärkte besteht unerbittlich. Also ist unvermeidlich der Punkt erreicht, an dem die eine imperialistische Nation versuchen muß, ihr Heil darin zu finden, die andere imperialistische Nation so zu schwächen, daß sie ihre Rohstoff- und Arbeitsmarkt-Ressourcen und Absätzmärkte nicht mehr infrage stellt.

Die jungen Räuber sind die gierigsten

Naturgemäß muß dabei die Nation am aggressivsten auftreten, die als zweites die Bühne dieser Art Weltpolitik betreten hat. Nicht im Nationalcharakter angelegt, sondern Resultat des geschichtlichen Prozesses ist es daher, daß Deutschland zusammen mit Österreich-Ungarn um die Jahrhundertwende diejenigen sind, die versuchen, mit der Waffe die fast ein Jahrhundert bestehende Überlegenheit des englischen Imperialismus zu stutzen.

Auf diese Weise erklärt die leninsche Imperialismustheorie nicht nur, warum es zum ersten Weltkrieg kommen mußte, sondern auch, wer die treibende Kraft bei diesem Massenschlachten Nr. 1 war. Ein imperialistische Krieg hat mehrere Resultate. Wir versuchen an dieser Stelle bewußt, kühl zu bleiben und einen Moment nicht an das unermeßliche Leid zu denken, das Kriege über die Menschen bringen - und das im übrigen auch beweist, daß die größte Lüge unserer Tage die ist, durch Krieg Menschenrechte durchsetzen zu wollen. Der Krieg vernichtet millionenfach Menschen, Arbeitskräfte, Rohstoffe, pulverisiert die Arbeit von Generationen, schafft Ruinenlandschaften, wo vorher Häuser und Fabriken standen. Damit bewirkt er aber etwas, was in abgemilderter (und schon ohne Krieg hinreichend grausamer) Form jede kapitalistische Krise bewirkt. Hier ist natürlich nicht der Platz, auch noch auf die marx'sche Krisentheorie einzugehen. Nur so viel: Die oben kurz angedeutenden Mechanismen der Profitmaximierung führen schon im Konkurrenzkapitalismus der Zeit von 1830 bis 1900 in regelmäßigen Abständen zu Krisen, deren ökonomischer Sinn in der Bereinigung der Märkte durch Vernichtung kleinerer Unternehmen besteht. Dieses Werk der Vernichtung wird in unserem dem imperialistischen Zeitalter, zusätzlich durch Kriege vollbracht. Und wie die Krise den nächsten Aufschwung hervorbringt, so bringt der Krieg, wenn die Menschen ihn dann überlebt und überstanden haben, den nächsten Aufschwung hervor: Die vorher überfüllten Märkte lechzen wieder nach Waren, die in der Kriegsproduktion angespannten Fabriken können wieder auf zivile Produktion umschalten und finden ein reiches Betätigungsfeld. So folgten auf den ersten Weltkrieg die goldenen zwanziger Jahre, auf den zweiten das Wirtschaftswunder und so planen deutsche Brückenbaufirmen schon jetzt den Wiederaufbau der von Nato-Bombern zertrümmerten Brücken über der Donau....

"Gehe zurück auf Los..."

In diesem Mechanismus des Elends hat es in dem jetzt zuendegehenden Jahrhundert eine erfreuliche Veränderung gegeben. Im ersten Weltkrieg haben die Menschen nicht nur unsäglich gelitten (vielleicht am beeindruckendsten beschrieben in Michail Scholochow, Der stille Don). Sie haben auch "Schluß gesagt" und sie hatten sich in Rußland - anders als in Deutschland oder England - eine Partei geschaffen, die nicht nur fast (wie in der deutschen Novemberrevolution 1918), sondern tatsächlich ganz gesiegt hatte und die Macht übernahm. Damit bestand die reale Hoffnung, den beschriebenen Ablauf der Ereignisse zu durchbrechen, die "Periode der Weltkriege" zu verkürzen, den ersten Weltkrieg zu einem einmaligen Ereignis werden zu lassen. Aber gesiegt hatte die Revolution 1917 eben nur in Rußland. Die eingangs beschriebenen Mechanismen trieben im Rest der Welt zu einem neuen Anlauf und wieder war es die noch nicht etablierte, die 1918 geschlagene Macht, der deutsche Imperialismus, der erneut versuchte, sich erst zur dominierenden Macht in Europa, dann der Welt aufzuschwingen und dabei auch - quasi im Vorbeigehen - den sozialistischen Versuch Rußlands frühzeitig zu erwürgen. Dies scheiterte bekanntlich - und führte sogar zu einer Ausweitung der Gebiete, auf denen das Profitprinzip nicht galt.

Nun wissen wir alle - und können das mit marxistischem Instrumentarium inzwischen gut analysieren und verstehen - daß (und warum) dieser große sozialistische Versuch von 1917 in den Jahren 1989/91 in Osteuropa und Nordasien zusammenbrach. Damit geschieht aber etwas für unsere Zeit sehr gravierendes: die tief im Betriebssystem des Kapitalismus eingespeicherten Programme, die durch die Macht der Sowjetunion an ihrem ungehinderten Vordringen zur Arbeitsoberfläche gehindert waren, kommen nun seit 1989 mehr und mehr ungehindert zum Durchbruch und so verwandelt sich auf den Bildschirmen unserer Tage die Friedenstaube der 70er und 80er Jahre in die Tornados und Falken unserer Zeit.

Das alles steht angekündigt für diejenigen, die lesen können, schon drin in der dünnen Broschüre von Wladimir Ilijitsch Lenin, "Der Imperialismus als das höchste Stadium des Kapitalismus" und weil uns die Ereignisse in gewisser Weise an die Strände des 19. Jahrhundert zurückgeschleudert haben, wird mensch unsere Zeit nicht verstehen können, ohne das gelesen und mit FreundInnen diskutiert zu haben.

1999 ist nicht 1916

Nun heißt das nicht - und mit diesen Bemerkungen ist der vorgegebene Platz dann auch erschöpft -, daß es seit 1916, als diese Broschüre erschien, keine neuen Entwicklungen gäbe. Lenin hat in seiner Schrift 5 Merkmale für eine Definition des Imperialismus herausgearbeitet, die mit heutigen Begriffen so formuliert werden könnten:

  1. Wir erleben die Entwicklung riesiger Konzerne, die eine immer entscheidendere Rolle spielen und das nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch. Sie haben inzwischen mehr Gewicht als die Mehrzahl der ja meist kleineren Ländern dieser Erde von Kenia bis Belgien.
  2. Damit verknüpft erleben wir das Entstehen einer Banker- und Spekulantenschicht, die sich immer mehr verselbständigt selbst von dürftigsten demokratischen Einwirkungsmöglichkeiten. Plastisch zeigt sich das an der Entwicklung der Diskussionen um eine künftige europäische Zentralbank, die nach dem Willen vor allem der deutschen Herrschenden gar nicht weit genug entfernt sein kann von nationalen Parlamenten oder auch dem europäischen Parlament - von direkten Volksabstimmungen ganz zu schweigen.
  3. Wir erleben eine gegenüber dem Warenverkehr weiter wachsende Bedeutung des Kapitalverkehrs.
  4. Wir erleben die Internationalsierung der Kapitalisten untereinander, also die tendenzielle Aufhebung nationaler Schranken innerhalb kapitalistischer Konzerne und Organisationen.
  5. Wir sind Zeitzeugen der nach 1989 einsetzenden Neuaufteilung der Weltsphären nach der Zerlegung des russischen Bären zwischen den Haupträubern USA/Großbritannien/Japan einerseits und Deutschland/Italien/Frankreich andererseits.

Lenin würde heute vielleicht zusätzlich 5 Aktualisierungen anfügen, wenn er gefragt werden würde, was denn heute anders seit als zu seiner Zeit:

  1. Neu ist vor allem, daß die Entwicklung der technischen Seite der Produktivkräfte die Selbstvernichtung der Menschheit ermöglicht: Entweder durch Krieg oder sogar - dank AKW und Gentechnik - ohne Krieg.
  2. Wir erleben die Umwandlung eines immer größeren Teils der industriellen Reservearmee in ein stehendes Heer von Überflüssigen. Die Bedrohung, vorübergehend oder bei chronischer Krankheit bzw. im Alter ständig arbeitslos zu werden, gab es auch schon 1910. Aber die Millionen Jugendlicher, die keine Chance haben, jemals gebraucht zu werden - das ist historisch in dieser Quantität neu.
  3. Wir registrieren die Fortführung des Internationalisierungsprozesses, der
    • nicht nur, wie zu Marx' Zeiten den Warenverkehr erfaßt hat,
    • nicht nur, wie zum Lenins Zeiten den Kapitalverkehr erfaßt hat, sondern der
    • nunmehr den Produktionsprozeß selbst erfaßt.
  4. Neu ist nicht grundsätzlich, aber in seinen Dimensionen das Maß der relativen Abkopplung der Finanzmärkte von den realwirtschaftlichen Märkten. (Das ist übrigens ein Prozeß, deren grundlegende ökonomische Problematik bisher am prägnantesten Rosa Luxemburg in ihren Studien über die Rolle des Kredits herausgearbeitet hat und der in unserer Zeit und in unseren Dimensionen die Krisenanfälligkeit des Gesamtsystems qualitativ erhöht, weil dieses Maß der Verselbständigung der Kreditsphäre die Krisentiefe potenziert.)
  5. Als letztes und politische wichtigstes Element, das alle negativen Tendenzen des Imperialismus deutlich beschleunigt, muß der Wegfall der Systemkonkurrenz betont werden. Dazu ist oben das Notwendigste gesagt.

Manfred Sohn


http://www.dkp-hessen.de/
• Autor: DKP Hessen •



Löwe von DKP Hessen


DKP und UZ stärken!
DKP und UZ
 
Mitgliedswerbung für DKP

UZ Abo-Karte als PDF
laden
ausdrucken
ausfüllen
abschicken