Am Samstag den 28.10. 2006 verstarb unser Genosse Peter Gingold.
Uns alle macht diese Nachricht traurig und läßt innehalten.
Eine Trauerfeier für Peter Gingold wird am Sonntag, 5. November 2006 um 11.00 Uhr im Gewerkschaftshaus in Frankfurt (Wilhelm-Leuschner-Str. 69 - 77) stattfinden. Die Beisetzung wird in Paris, im Familiengrab bei seiner Frau Ettie erfolgen.
Der DKP-Vorsitzende Heinz Stehr erklärte zum Ableben von Peter Gingold:
Der in Aschaffenburg geborene Kommunist und Antifaschist Peter Gingold starb
am 29. Oktober 2006 in Frankfurt/Main. Peter war jüdischer Herkunft. Er und
andere aus seiner Familie haben gegen den Faschismus gekämpft - immer mit
dem Ziel, nach der Überwindung des Faschismus ein neues, ein besseres, ein
sozialistisches Deutschland aufzubauen.
Seinen 90. Geburtstag konnte Peter in diesem Jahr mit Genossinnen und
Genossen, Kampfgefährten, Kollegen und Freunden feiern. Beeindruckend war
die Würdigung durch seine Brüder.
Peter Gingold sah in den letzten Jahrzehnten seine Hauptaufgabe darin, vor
allem der jungen Generation seine Lebenserfahrungen zu vermitteln und sie zu
motivieren, überall wo nötig gegen Faschismus und Neonazismus aufzutreten.
Auf zahllose Demonstrationen und Aktionen forderte er immer wieder: "Keinen
Fußbreit den Faschisten! Faschismus ist keine Meinung, sondern ein
Verbrechen!"
Peter verlangte immer wieder, dass die heutige Generation sich
antifaschistisch engagiert. Er gehörte zu jenen, die unermüdlich über die
Verbrechen des Faschismus aufklärten. Und er überzeugte viele junge Leute,
gegen Faschismus und Krieg aktiv zu werden. Anderen gab er die Kraft, nicht
zu resignieren.
Peter entlarvte zugleich die "große Koalition" der bürgerlichen Parteien,
von CDU/CSU, der FDP, der SPD und der Grünen, die für die faktische
Abschaffung des Asylrechts Verantwortung tragen, die das NPD Verbot
verhinderten und in der öffentlichen Darstellung die Geschichte des
Faschismus und seine Ursachen verharmlosen oder verfälschen, für die
Antikommunismus bis heute wichtiger ist als die grundlegende
Auseinandersetzung mit dem Faschismus und seinen Ursachen.
Peter kämpfte sein Leben lang als Kommunist aus tiefster Überzeugung für
eine sozialistische Zukunft. Er und seine Frau Etty gehörten zu den
Kommunistinnen und Kommunisten, die nach der Befreiung 1945 begannen, den
geistigen und materiellen Schutt zu beseitigen. Es bleibt eine Schande für
Bundesrepublik Deutschland, dass die Familie Gingold für die
Staatsbürgerschaft lange Jahre kämpfen musste und ihrer Tochter Sylvia durch
Berufsverbot zunächst die Beschäftigung als Lehrerin verweigert wurde.
Auszeichnungen erhielt Peter hingegen in Frankreich und Spanien - in seiner
Heimat wurde er als Kommunist verfolgt.
Peter Gingold war sein Leben lang Internationalist. Besonders in den letzten
Jahren engagierte er sich für die Solidarität mit dem sozialistischen Kuba,
für die Befreiung der in den USA widerrechtlich eingekerkerten fünf
Patrioten Kubas. Während eines gemeinsamen Aufenthaltes in Kuba konnte ich
selbst erleben mit welcher Begeisterung er die Entwicklung Kubas
unterstützte.
Noch am 7. Oktober engagierte sich Peter während einer Veranstaltung für die
Aufhebung des KPD-Verbotes und für die Rehabilitierung der Opfer des kalten
Krieges in Frankfurt/Main.
Die DKP verliert mit Peter Gingold einen Genossen, den seine Bescheidenheit
auszeichnete und der diese Partei mitgeprägt hat. Es wird schwer sein, sein
Vermächtnis zu wahren. Wir trauern mit den Töchtern Alice und Sylvia und
ihren Familien. Ich habe einen Freund und Genossen verloren, der stets auch
Vorbild war, dessen Biografie Ermutigung war, auch in schwersten Zeiten zu
kämpfen.
Sein, und das Vermächtnis vieler Genossinnen und Genossen, die gegen
Faschismus und Krieg kämpften, die für Wiederaufbau der KPD nach 1945
standen, die auch in der Zeit des KPD-Verbots in den Jahren 1956-1968 aktiv
waren und 1968 die DKP konstituierten und nach der Niederlage des
Sozialismus in Europa weiterkämpften, muss gewahrt bleiben.
Sozialismus oder Barbarei diese Losung Rosa Luxemburgs bleibt eine aktuelle
Aufgabe. Wir werden in seinem Sinne weiterkämpfen.
Heinz Stehr
Vorsitzender der DKP
Der Antifaschist Peter Gingold lebt nicht mehr.
Ein Nachruf von Ulrich Schneider
»Nie
resignieren,
und wenn welche
resignieren,
dann macht
ihnen Mut!«
Nach langer schwerer Krankheit starb Peter Gingold, antifaschistischer Widerstandskämpfer, Kommunist aus jüdischem Elternhaus und Internationalist, am 28. Oktober in Frankfurt/M. im Alter von 90 Jahren.
Antifaschisten und Anhänger der politischen Linken verschiedener Generationen haben Peter Gingold in den vergangenen Jahrzehnten auf Veranstaltungen, in gemeinsamen Aktionen auf der Straße und in Debatten über die Konsequenzen aus der faschistischen Vergangenheit und für eine sozialistische Alternative erlebt. Er war als Person nicht nur Teil der politischen Bewegung, er stand mit seiner Biographie auch symbolisch für politische Entwicklungen und den Umgang mit der Erinnerung und Würdigung des antifaschistischen Widerstandes in unserem Land.
Geboren am 8. März im Kriegsjahr 1916 in Aschaffenburg, erhielt Peter Gingold seine persönliche und politische Prägung in seinem jüdischen Elternhaus und in der Arbeiterjugendbewegung. Sein Vater besaß eine kleine Konfektionsschneiderei in Frankfurt/Main. Als Jugendlicher erlebte er den Antisemitismus der Nazis. Er fragte sich und seinen Vater, der mit seiner Arbeit eine achtköpfige Familie zu ernähren hatte: »Du bist doch auch Jude, leidest auch unter der Arbeitslosigkeit, wieso bist du an allem schuld?« So einfach und gleichzeitig überzeugend stellte Peter Gingold die faschistische Demagogie in Frage und begann als Jugendlicher nach den Ursachen von Massenarbeitslosigkeit, Armut und Ungerechtigkeit zu fragen. Bald schon organisierte er sich im Zentralverband Deutscher Angestellter und im Kommunistischen Jugendverband. Politische Erkenntnis und Handeln waren für ihn untrennbar verbunden. Und so wirkte er vor 1933 und nach der Machtübertragung an die NSDAP im antifaschistischen Kampf. Bei einer Razzia der SA im Juni 1933 verhaftet, kam er erst nach mehrmonatiger Gefängnishaft frei – mit der Auflage, Deutschland zu verlassen. Er folgte seinen Eltern und Geschwistern, die bereits im Frühjahr 1933 nach Paris emigriert waren. Ruhe gab er dort aber auch nicht. Er arbeitete im deutschsprachigen antifaschistischen Pariser Tageblatt mit und gehörte zu den Gründern der Freien Deutschen Jugend (FDJ) als überparteiliche antifaschistische Jugendorganisation.
In Paris traf er zwei wichtige Entscheidungen, die sein ganzes persönliches und politisches Leben geprägt haben: 1937 trat er der Kommunistischen Partei bei und 1940 heiratete er Ettie Stein-Haller, die er in der FDJ-Arbeit kennen- und lieben gelernt hatte. Über sechzig Jahre waren die beiden verheiratet und haben sich gegenseitig in ihrer politischen Arbeit und Überzeugung gestützt und gestärkt.
Im französischen Exil kam ihre erste Tochter Alice zur Welt. Während Ettie Gingold sich um das Kind kümmerte, mußte ihr Mann aufgrund der Verfolgung durch die Gestapo untertauchen. Er schloß sich der Travail Allemand (TA) an, einer Gruppe in der Résistance, die antifaschistische Aufklärung unter deutschen Soldaten leistete. Während seiner illegalen Zeit wurden zwei seiner Geschwister in Paris verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Er selbst geriet 1943 in die Fänge der Gestapo. Ihm gelang jedoch mit Hilfe der Organisation die Flucht. Peter Gingold nahm im August 1944 am Aufstand zur Befreiung von Paris teil und setzte seine antifaschistische Arbeit in den Reihen des 1. Pariser Regiments in Lothringen und im April als Frontbeauftragter bei den Partisanen in Norditalien fort. In Turin erlebte er den 8. Mai 1945, der für ihn »das Morgenrot der Menschheit« war.
Zurückgekehrt nach Frankfurt/Main gehörten Peter und Ettie Gingold zu den Gründern der hessischen Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und wirkten politisch in der KPD. Doch während Peter Gingold für seine antifaschistische Arbeit in Frankreich und Italien geehrt wurde, erlebten er und seine Frau in Deutschland lange Jahre gesellschaftliche Ausgrenzung. Als Widerstandskämpfern und Kommunisten wurde ihnen viele Jahre die deutsche Staatsbürgerschaft verweigert. In Gefolge des KPD-Verbots mußte Peter Gingold zeitweilig wieder in die Illegalität. Und er mußte die Verfolgung in zweiter Generation erleben, als seine zweite Tochter Silvia als Lehrerin viele Jahre mit Berufsverbot belegt war. Dabei kamen ihm seine Kontakte zu französischen Antifaschisten zugute. »A bas les Berufsverbote« wurde zu einer millionenstimmigen Losung in den 70er Jahren in Frankreich.
Solch negative Erfahrungen mit der bundesdeutschen Realität haben ihn nicht abgehalten, sich für seine Vision einer sozialen und menschenwürdigen Gesellschaft, frei von Krieg und Ausbeutung einzusetzen. Daß man dazu einen sehr langen Atem braucht, auch Rückschläge verkraften muß, vermittelte er in vielen Gesprächen und Vorträgen, besonders gegenüber Jugendlichen. Und er forderte sie auf, selber aktiv zu werden gegen Neofaschismus, Rassismus, soziale Ungerechtigkeit und Ausgrenzung. Dabei ging er mit gutem Beispiel voran bei zahllosen Aktionen gegen alte und neue Nazis, ob in Mittenwald, in Wunsiedel, in Frankfurt oder Berlin.
Peter Gingold war ein vielgefragter Redner, Gesprächspartner und Zeitzeuge, der politisch reflektiert, engagiert und persönlich authentisch historische Zusammenhänge vermitteln konnte. Er wurde eingeladen von Schulen und Universitäten, von Jugendverbänden, Gewerkschaften oder der autonomen Antifa, von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit oder seiner Partei,der DKP, und natürlich von der VVN-BdA, für die er in den letzten Jahren als Bundessprecher politisch aktiv war. Nicht zu vergessen sind seine Aktivitäten im Auschwitz-Komitee der BRD, gegen die Profiteure der Kriegsverbrechen, zum Beispiel der IG-Farben in Abwicklung, oder für den Verband Deutscher in der Résistance, in den Streitkräften der Antihitlerkoalition und der Bewegung »Freies Deutschland« e.V. (DRAFD). Hier – und das zeigte eindrucksvoll die Feier zu seinem 90. Geburtstag im Frankfurter DGB-Haus– erlebte er die Anerkennung, die ihm die bundesdeutsche Gesellschaft verweigert hatte.
In seinem Schlußwort auf der Geburtstagsfeier formulierte er noch einmal das Motto seines politischen Handelns: »Nie resignieren, und wenn welche resignieren, dann macht ihnen Mut!« Peter Gingold hat auf seine Weise Mitstreitern und Nachgeborenen in vielen Aktionen und Situationen Mut gemacht. Nun liegt es in der Verantwortung der Nachgeborenen – im Sinne von Peter Gingold –, diesen Mut in Handeln für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Kriege einzubringen.
Die Trauerfeier zu Ehren von Peter Gingold findet im November in Frankfurt/M. statt. Die Beisetzung wird in Paris, im Familiengrab bei seiner Frau Ettie erfolgen.
Vor kurzem erschien die Dokumentation zum 90. Geburtstag von Peter Gingold: Ulrich Schneider/Horst Gobrecht: »Résistance = Widerstand – ein Leben lang!«. Hrsg. Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/ Freundeskreis e.V., 60 Seiten, Ladenpreis 5 Euro, ab 10 Exemplare 3 Euro plus Porto, zu bestellen bei: VVN-BdA Hessen, Eckenheimer Landstr. 93, 60318 Frankfurt/M.
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